Interpretation von Friedrich Schillers Gedicht „Das verschleierte Bild zu Saïs“



Zur Beziehung von Textverständnis und Seinserkenntnis:
Eine Diskussion am Beispiel von Friedrich Schillers Gedicht „Das verschleierte Bild zu Saïs“

 

Sighard Wilhelm, Berlin

 

Erschienen in: Literatur in Wissenschaft und Unterricht,
Band XXIII, 1990. Heft 4, S. 347 ff.

 

Aus der Antike ist eine rätselhafte Geschichte überliefert, die der 36jährige Friedrich Schiller in Gedichtform kleidete: Einen Jüngling treibt die Wißbegier zu Studien nach Ägypten. „Was hab ich, / wenn ich nicht alles Wissen habe?“ sagte fordernd der Ungeduldige zu seinen neuen Lehrern.

Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
Dem Jüngling in die Augen fiel.
                                                Verwundert
Blickt er den Führer an und spricht: "Was ist´s,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?"

"Die Wahrheit", ist die Antwort.
                                           "Wie?" ruft jener,
"Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhüllt?"

"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt
Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer ihn (...) früher hebt,
Der, spricht die Gottheit - "
                                    "Nun?"
                                          "Der sieht die Wahrheit."

Ein seltsamer Orakelspruch. Wer den Schleier hebt, der sieht die Wahrheit. Die Worte des Priesters lassen den Jüngling nicht mehr zur Ruhe kommen. Des Nachts schleicht er sich in den Tempel. Wo „furchtbar wie ein gegenwärt´ger Gott / Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse / In ihrem langen Schleier die Gestalt. - "Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf."/ (Er ruft´s mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen."

Er spricht´s und hat den Schleieraufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
"Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
"Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."

Was hat er gesehen? Reiht man sich nicht sogleich den ungestüm Fragenden ein? Welche Erfahrung machte er? - Was ist Wahrheit? fragte schon Pilatus und erhielt von Jesus keine Antwort[1]. – Was war die Offenbarung dieses negativen Damaskus-Erlebnisses, das einen Menschen zerstörte?

Schiller liebte es, grundsätzliche Erkenntnisse und Weisheiten parabolisch zu verrätseln und so vor dem Leser zu verstecken. Ich sehe vier Lösungen, das Geheimnis des Jünglings zu enträtseln. Eine hat meine subjektive Präferenz.

 

I.

 

Benno von Wiese verweist in seiner Schillerbiographie darauf, daß man es sich zu leicht mache, wenn man zum Verständnis des Gedichtes nur sage, dem Menschen zieme nun einmal Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, dem Heiligen, der Wahrheit; wem diese Ehrfurcht fehle, den strafe die Gottheit. In früheren Zeiten hätte man sich vielleicht auf diese schlichte Auslegung beschränken können.

Schiller wäre mit ihr vermutlich nicht zufrieden gewesen, und tatsächlich klingt davon wenig an. Deutlich geschildert wird jedoch, so v. Wiese, das Vernichtende, das Tödliche der Wahrheit: Die "Entschleierung" des Geheimnisses wirft den Jüngling zu Boden, vernichtet jede Heiterkeit und bringt ihn damit um allen ferneren Lebensgenuß. Schließlich führt das Schicksal ihn auf unentrinnbarem Weg zum Grabe. Wir sollen also wohl erraten, so v. Wiese, daß hinter dem Schleier der Tod selbst verborgen stand. Wahrheit und Tod seien identisch; wer die Wahrheit schaut, nehme damit seinen eigenen Tod vorweg.[2]

Es erscheint mir denkbar, daß Schiller selbst dies für eine mögliche Enträtselung gehalten haben könnte. Vier Jahre vor der Veröffentlichung des Gedichtes hatte er an der Schwelle des Todes gestanden. Mit dem Beginn des Jahres 1791 zog sich der gerade Dreißigjährige eine schwere Krankheit zu, die er nie überwinden und ausheilen konnte[3]. Es schien, als würde er vom Krankenlager nicht mehr aufstehen. Zeitweise fiel ihm das Sprechen so schwer, daß er sich nur noch schriftlich verständigen konnte. "Wir sollten unsere Freunde zu ihm kommen lassen, damit sie lernten, wieman ruhig sterben könne", notierte eine Freundin des Hauses. Dieses Erleben der Nähe des Todes könnte Schiller in dem Gedicht verschlüsselt haben.

Ich empfinde diese Auflösung aber als äußerst unbefriedigend und unangemessen; dem Gedicht diesen Sinn zu geben, erscheint oberflächlich und schneidet den Weg zu anderen Deutungen ab. Der Tod ist das große Paradoxon unseres Lebens: das Undenkbare und doch zugleich das Gewisse.Aber dennoch würde die Todeserfahrung den Jüngling wohl kaum auf Dauer aus seiner Lebensbahn werfen; wir wissen von vielen Menschen, daß sie eine Todeserfahrung nachträglich als eine Wiedergeburt und ihr weiteres Leben als eine neue Chance empfunden haben (auch wenn sie ihrem Leben keinen wirklichen Neuanfang geben konnten).

Wahrheit und Tod seien identisch, meint v. Wiese; wer die Wahrheit schaut, nehme damit seinen eigenen Tod vorweg. Mich überzeugt das nicht. Wahrheit umfaßt mehr als den Tod. Sie weiß vom Leben, der Welt, dem ganzen Universum; von der Vergangenheit und vielleicht der Zukunft. Wahrheit umfaßt alles Wissen des Diesseits und des Jenseits. - Der Jüngling hat nicht den Tod getroffen.

Es lassen sich jedoch zwei Varianten denken, die das bloße Erfahren des Todes überschreiten: Wenn der Jüngling sein nahes Todesdatum erfahren hätte, wäre wohl seines Lebens Heiterkeit dahin. Wir wären am Ziel. Auch diese Deutung könnte auf die Biographie Schillers gestützt werden: Nach der schweren, unheilbaren Erkrankung vom Frühjahr 1791 hat Schiller in den folgenden Jahren im Bewußtsein gelebt, nur noch eine begrenzte Lebensfrist zu haben. - Aber was ist das für eine banale Erkenntnis, daß ein Mensch in Erwartung seines nahen Todes seine Heiterkeit verliert! Ich will nicht bestreiten, daß über solch eine Grenzsituation nicht geschrieben werden könnte. Tatsächlich gibt es solche Werke ja auch.[4] Sie thematisieren die Stimmungsschwankungen, die Abschiede, die Wertungen über das bald endende Leben. Hätte Schiller darüber dieses Gedicht geschrieben? Für mich bleibt diese Auslegungsvariante unbefriedigend.

Schwerwiegender ist eine zweite Variante. Sie könnte in der Offenbarung bestehen, daß es kein Jenseits gibt und kein Weiterleben nach dem Tode. Die Menschen des Altertums, der Schillerzeit und wir in derGegenwart leben in Ungewißheit über das Jenseits.[5] Die griechische Philosophie schwankte zwischen den beiden Möglichkeiten, daß wir eine unsterbliche Seele haben, die nach dem Tode des Körpers zur Gottheit aufsteigt, und einem ewigen Schlaf im jenseitigen Nichts.[6] DasChristentum bietet eine sich innerlich widersprechende Aussicht: Unter griechischem Einfluß wurde die Existenz einer unsterblichen Seele bejaht, weiterleben nach dem Tode sollen wir aber erst nach dem Jüngsten Gericht.[7] Wie dem auch sei: Wir haben keine Gewißheit über unser jenseitiges Schicksal; nur glauben können wir. Aber die Gewißheit (!) eines jenseitigen Nichts würde wohl jeden Menschen in die Verzweiflung stürzen. Können wir annehmen, daß der Jüngling in Saïs die Gewißheit des Nichts erfuhr? Im Gedicht gibt es keinen Hinweis auf eine derart radikale Lösung. Schiller selber war zutiefst von einer Ordnung der diesseitigen und der Existenz einer jenseitigen Welt überzeugt, ihre Nichtexistenz hätte ihn wohl verzweifeln lassen. Aber wenn er selber eine solche Auslegung gemeint hätte, dann hätte er die Geschichte des Jünglings nicht als real geschehen erzählt, sondern als Traum oder als Gedankenspiel. Ich gebe zu, da spekuliere ich über den Dichter. Aber ich neige zu der Ansicht, daß Schiller ein jenseitiges Nichts als die Wahrheit unseres Lebens und der Welt weder gewollt noch für möglich gehalten hat.[8] Einem Leser des Gedichts steht eine andere Auslegung allerdings offen; viele Werke enthalten Aussagen, die der Autor nicht teilt.

 

II.

 

Wenn es weder der Tod noch das Nichts war, was also sah der Jüngling?

Eine Beschäftigung mit dem für die Philosophie grundlegenden Begriff der Wahrheit wird für das Verständnis des Gedichts keinen Gewinn bringen. An sich läge eine solche Wortinterpretation bei Schiller durchaus nahe, der sich selber als dichtender Philosoph verstand (während Immanuel Kant ihn bei gegenseitiger Hochschätzung nur als philosophierenden Dichter wertete).[9]

Im Gedicht wird "Wahrheit" aber hinreichend erklärt und in einem auch der Umgangssprache geläufigen Sinn verwandt: DerJüngling "den des Wissens heißer Durst / nach Saïs in Ägypten trieb, der Priester / geheime Weisheit zu erlernen, hatte / schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt, / stets riß ihn seine Forschbegierde weiter". -Ein ungeduldig Strebender, der fragt: "Was hab ich, wenn ich nicht alles habe? (...) Nimm einen Ton aus einer Harmonie, / nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, / und alles, was dir bleibt ist nichts, solang / das schöne All derTöne fehlt und Farben." - Oder, fast provozierend: Ist deine Wahrheit (nur) wie der Sinne Glück?

Goethe läßt einen ebenso ungeduldig Strebenden im Faust-Monolog sagen: "Es möchte kein Hund so länger leben! / Drum hab ich mich der Magie ergeben, / ob mir durch Geistes Kraft und Mund / nicht manch Geheimnis würde kund; / daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß / zu sagen brauche, was ich nicht weiß; / daß ich erkenne, was die Welt / im Innersten zusammenhält".

Verstehen und Wissen. Die Dinge verstehen, wie sie wirklich sind. Wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, Verständnis über das Jenseits. Keine Bruchstücke, sondern alles. Keine Mosaiksteinchen betrachten, sondern das ganze Bild sehen. Danach strebt der Jüngling.

Vielleicht kommen wir hier der niederschmetternden Offenbarung näher. Nach unserer eigenen Einschätzung scheinen uns unsere geistigen Fähigkeiten unbegrenzt, und der Jüngling fordert das damit korrespondierende Wissen. Der Schein trügt jedoch. Es gibt Beschränkungen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, die nicht auf bloßer persönlicher Unzulänglichkeit beruhen, sondern grundsätzlicher Natur und nicht überwindbar sind.

Es besteht Grund zu der Annahme, daß Menschen nie die "objektive", die "wirkliche Welt" werden erfassen können, wieviel Wissen sie auch immer anhäufen. Diese Ansicht formulierte schon zur Schillerzeit Immanuel Kant, und in der Antike findet sie sich beisielsweise im Höhlengleichnis von Plato[10].

Wer sich zum ersten Mal mit diesen (erkenntnistheoretischen) Fragen beschäftigt, dem fällt es schwer, einen Sinnin der Aussage zu entdecken, daß Menschen die "objektive Welt" nicht erfassen können. Was ist es denn, was wir sehen, wenn wir die Augen aufmachen! Von dem Baum vor meinem Fenster kann ich sicher sein, daß er dort "wirklich" steht; ich kann hingehen, ihn anfassen. Bis dahin gibt es auch kein Problem; der Baum ist Teil der "wirklichen Welt" und gehört zu dem Ausschnitt der Wirklichkeit, der uns Menschen zugänglich ist.

Die Griechen hatten bereits in der Antike entdeckt, daß unsere Wahrnehmung von der Welt und die wirkliche Welt offenbar zweierlei sind. Ihnen fiel auf: Wenn sich ein Schiff einem Hafen nähert, dann sieht man zuerst die Mastspitze, dann das Segel, zum Schluß den Bootskörper. Siefolgerten daraus, daß die Erdoberfläche gekrümmt sein muß, worauf „von alleine" niemand kommen würde. Als sie später den Sternenhimmel über Athen und Alexandrien verglichen, merkten sie, daß sie unterschiedliche Ausschnitte sahen; das betrachteten sie als endgültigen Beweis für die "an sich" haarsträubende Folgerung über die Kugelgestalt der Erde.[11]

Aus der Beobachtung, daß Götterstatuen nach Jahrzehnten an den Stellen sehr abgewetzt aussahen, an denen die Gläubigen sie berührten, folgerten griechische Philosophen, alle Gegenstände müßten aus kleinsten unsichtbaren Partikeln bestehen, aus Atomen.[12] -Die Idee von Atomen entspricht nicht unserer Anschauung. Aber mit solchen Entdeckungen bekann die Erkenntnis, daß die wirkliche Welt mehr ist, als was wir sehen. Kant hat diese Gedanken vertieft.[13]

Der Jüngling in Saïs verlangt nach der Erkenntnis, wie die Dinge wirklich sind. Wie wird er reagieren, wenn die Offenbarung lautet, Menschen werden sie nicht erfassen, auch er nicht? Er mag sich bemühen, wie er will. Wie eine Katze die Entstehung des Blitzes nie verstehen wird, so wird er die Welt, wie sie wirklich ist, nie begreifen. Wird er nach dieser Offenbarung zufrieden nach Hause gehen?

 

Exkurs überdie "wirkliche Welt"

 

Der 1989 verstorbene Hoimar v. Ditfurth hat in seiner Autobiographie für sich die folgende Antwort gegeben:

Das Gefühl, das mich angesichts meines in nicht allzu ferner Zukunft zu erwartenden Todes erfüllt, ist eine Mischung aus Ärger und Zorn. Es ist der Zorn über die Zumutung, die ich darin sehe, daß ich in der kurzen mir gewährten Lebenszeit zwar Gelegenheit hatte, die Tiefe des Geheimnisses zu ahnen, das sich hinter der Existenz und der so staunenswert verlaufenden Geschichte des Universums verbirgt, daß ich aber nicht die geringste Chance habe, das jemals zu verstehen, was mich in den wenigen Jahrzehnten meiner Lebenszeit als ‚Welt‘ umgab. Es erbost mich mehr als ich sagen kann, zu wissen, daß ich sterben werde, ohne eine Antwort bekommen zu haben auf meine Fragen nach dem Geheimnis des vor meinen Augen liegenden Kosmos und den Gründen meiner Existenz. (...) Es ist eine erschütternde Vorstellung für mich, daß Männer wie Plato, Galilei oder Kant bereit gewesen sein dürften, Lebensjahre für das Wissen herzugeben, das jedem von uns heute unverdient in den Schoß fällt. (…) Ihnen gegenüber sind wir in einem geradezu unglaublichen Maße privilegiert. Aber vor uns liegt eine sich über noch viel größere zeitliche Räume erstreckende kosmische Zukunft, von der wir wissen, daß sie mit Bestimmtheit stattfinden wird, und über die wir dennoch in aller Zeit niemals auch nur das geringste erfahren werden. Völlig trostlos erscheint mir unsere Lage andererseits aber auch wieder nicht. (...)

Ditfurth erwähnt ähnliche Empfindungen auch von Konrad Lorenz und Albert Einstein.[14]

Hier werden die Sehnsüchte des Jünglings vor dem verschleierten Bildnis geschildert von einem, der den Vorhang wohl auch gehoben hätte. - In unserem Jahrhundert scheint endgültig bewiesen, daß wir die objektive Welt, die Welt, wie sie wirklich ist, nicht erfassen. Dafür sprechen vor allem durch die Forschungsergebnisse im Makrokosmos (Universum) und im Mikrokosmos (atomarer und subatomarer Bereich).[15] Als neuesten und dritten Bereich können wir die Umwelt, Ökosysteme, dazunehmen. - Das wäre die Offenbarung für den Jüngling gewesen.

Die Größe einer Galaxis oder eines Galaxienhaufens ist für uns nichts weiter als eine Zahl. Seit Einstein wissen wir, daß sich sehr hohe Geschwindigkeiten, mit denen sich zwei Objekte von einander entfernen, nicht addieren, wissen wir, daß die Zeit in Systemen, die sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten bewegen, verschieden schnell abläuft. Wir nehmen an, daß jenseits unseres Universum "nichts" ist, daß vor unserem Universum "nichts" war, daß die Zeit erst mit der Singularität des Urknalls "begann" - das alles widerspricht völlig unserer Intuition und jeder Lebenserfahrung. Wir wissen, daß Schwerkraft eine Funktion des gekrümmten Raumes ist - vorstellen kann sich das niemand, auch Einstein konnte es nicht, obwohl er diesen Zusammenhang entdeckte.

Unser Denken und Fühlen versagt jedoch völlig in der Welt der Atome: da gibt es buchstäblich nichts mehr, womit unser Verstand noch übereinstimmt. Das beginnt mit dem Paradox, daß subatomare Teilchen zugleich Welle und Körper sind, was nach unserem intuitiven Denken logisch nicht möglich ist. Nur mathematisch können wir damit umgehen. - Im atomaren und subatomaren Bereich finden wir nichts als „eine Orgie von halbvorhandenen Gespensterräumen, bei der alle durcheinanderfliegen. In diesem chaotischen See verflüchtigt sich endgültig die Vorstellung des 'Ortes', wie sie der gesunde Menschenverstand kennt." Man fragt sich unwillkürlich, wie aus „so etwas“ feste Körper entstehen können, Felsen, Stahl oder Menschen. – Ein letztes Beispiel: Wir sind gewöhnt, wenn es von A nach B zehn verschiedene Wege gibt, uns vorzustellen, daß man auf einem ganz bestimmten Weg dort hinkommt. Anders bei Elektronen: "Man muß annehmen, daß ein Elektron, um von A nach B zu kommen, alle möglichen Wege auf einmal nimmt!"[16]

Es ist offenkundig, daß diese Vorgänge jenseits der Vorstellungsfähigkeit unseres Gehirns liegen. Sie sind grundsätzlicher Natur und nicht überwindbar. Die meisten Modelle, mit denen wir trotzdem versuchen, eine Vorstellung zu gewinnen, sind so ungenau, daß sie fast wertlos sind. Dazu kommt noch die Erfahrung aller bisherigen Wissenschaft: Wo immer es gelang, ein Mosaiksteinchen Wissen zu enträtseln, tat sich dahinter stets eine ganze Landschaft neuer Rätsel auf! Es geht uns wie dem Hasen im Wettlauf mit dem Igel.

Aber beunruhigender als diese uns "fernen" Wissenschaftsgebiete ist das neueste Beispiel unserer Unfähigkeit zur Wahrnehmung: Im Zusammenhang mit der Umweltkrise ergab sich, daß das grundlegende Strukturelement der Natur der Regelkreis, ein kybernetisches System, ist und daß wir damit nicht umgehen können. Wir durchschauen keine Prozesse, die innerhalb von rückgekoppelten Regelkreisen ablaufen. Wir denken in einfachen Ursache-Wirkungsketten und sind unfähig, das dynamische Verhalteneines vernetzten Systems zu erfassen, in dem alles „irgendwie" mit allem zusammenhängt.[17]

Unsere Vorstellungskraft versagt nicht nur, wenn es um Atome und Elementarteilchen, um Lichtjahre oder um die Raumkrümmung des Kosmos geht. Auch für exponentielle Zahlenentwicklungen fehlt uns sozusagen das Gefühl, und zwar auch dann, wenn wir das Phänomen kennen. Es gibt zahlreiche Beispiele. Allgemein bekannt dürfte inzwischen das Märchen vom indischen Weizen-Schachbrett sein: Der Fürst soll auf dem ersten Feld 1 Korn bezahlen und auf allen folgenden Feldern jeweils Verdopplungen.[18]  - Für das lawinenhafte Wachstum exponentieller Entwicklungen fehlt uns jegliches Gefühl. Wir können es zwar verstandesmäßig (mathematisch) berechnen, unsere Intuition versagt jedoch.

Die Mängel unseres Gehirns sind grundsätzlicher Natur und nicht überwindbar, und eine Frage wäre dann, warum ist das so? Während Immanuel Kant zur Schillerzeit über die offenkundige Diskrepanz zwischen unserer Wahrnehmung und der Wirklichkeit und Wahrheit noch ratlos war, können wir unsere Erkenntnismängel heute plausibel erklären: Der Mensch ist ein Wesen, das sich evolutionär entwickelt hat, das von der Natur in langen Zeiträumen an seine Umwelt optimal angepaßt wurde. Unsere Umwelt ist die Steinzeit, in der unsere Vorfahren gerade kürzlich noch lebten. Es gibt keinen Hinweis auf irgendeinen relevanten biologischen Unterschied zwischen uns und unseren Vorfahren vor zehntausend Jahren. Unsere Vorfahren mußten in einer Welt mittlerer Dimensionen überleben, mit Größenordnungen zwischen Millimetern und Kilometern, mit Zeiten zwischen einem Augenblick und vielleicht einem Jahrzehnt und mit Geschwindigkeiten bis zu der eines angreifenden Bären oder eines fliehenden Rehs.

Für diese Welt mittlerer Dimensionen bürgert sich inzwischen der Begriff Mesokosmos ein. Auf den Mesokosmos also sind wir von der Evolution angepaßt, darin finden wir uns zurecht, auch intuitiv. Dieser Umwelt sind unsere Erkenntnisstrukturen noch angepaßt. Überschreiten wir die Grenzen des Mesokosmos, dann kann es passieren, daß unsere Intuition versagt. Die Evolution hat unser Gehirn nicht geschaffen, damit wir den Kosmos oder die Quantenphysik der kleinsten Teilchen oder rückgekoppelte Systeme verstehen. Im Alltag spielen die Effekte, die Einsteins Relativitätstheorie beschreibt, einfach keine Rolle. Wenn wir unser Gehirn gleichwohl dafür einsetzen, dürfen wir uns über die kläglichen Ergebnisse nicht wundern.

Wenn dadurch nur an unserem Selbstbewußtsein als „Krone der Schöpfung“ gekratzt würde, wäre das nicht weiter tragisch; bei der Umweltpolitik jedoch könnten die prinzipiellen Schranken unseres Verstandes dazu führen, daß wir bei der Bewahrung der für uns lebenswichtigen Natur scheitern. Viele  Naturwissenschaftler fürchten dies ernsthaft; Konrad Lorenz gab einem Buch den Titel Noah würde Segel setzen und v. Ditfurth So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit.[19]

Kehren wir zurück nach Saïs. Der Jüngling hebt den Schleier und erfährt die Wahrheit. Schiller sagt uns, die Offenbarung ist für ihn (!) so niederschmetternd, daß sein Leben nun den Lauf depressiver Resignation nimmt. Könnte er erfahren haben, daß weder er noch sonst je ein Mensch, die Dinge wird wissen und erfahren und verstehen können, nach denen er strebt? So wie meine Katze nie verstehen wird, daß die Welt eine Kugel ist, ebensowenig werden Menschen auf unserer evolutinären Stufe je das begreifen, wonach der Jüngling fragt. Er wird nie zur objektiven Welt, zur Wirklichkeit, zur Wahrheit vordringen können. Sie ist ihm und allen Menschen auf ewig verschlossen. Ich halte es für denkbar, daß dem philosophischen Dichter Schiller diese Lösung des Rätsels vorgeschwebt hat. Daß die Mehrheit der Menschen durch die geschilderten Einschränkungen der Erkenntnismöglichkeiten nicht unglücklich wird, kann das Urteil nicht beeinflussen.

 

III. Der Blick in die wissenschaftlich-technischeZukunft

 

Die wachsenden wissenschaftlichen Kenntnisse und technischen Möglichkeiten bieten eine weitere Interpretation. Da von Naturwissenschaften schon reichlich die Rede war, möchte ich mich hier auf einige Hinweise beschränken.

Bei Schiller lautet die vorletzte Gedichtzeile: „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld". – Das erinnert an die heute diskutierte Frage: Darf der Mensch all das tun, was er tun kann? Unser Verhältnis zur wissenschaftlich-technischen Welt würde damit angesprochen werden. Setzen wir einmal das Wort Wahrheit gleich mit dem Wissen über "Störfälle" und Katastrophen in der Zukunft. Wir könnten dann in Bezug auf das Gedicht fragen: Würde es einen Menschen verstören und zerstören, wenn er erführe, welche Katastrophen in einigen Jahrzehnten durch seine Arbeiten etwa auf dem Gebiet der Gentechnologie eintreten werden?

Man wende nicht ein, daran habe Schiller gar nicht denken können. Das Motiv des künstlichen Menschen (Homunculus, Golem usw.) reicht bis in die Antike zurück: Daidalos[20] schuf sich bewegliche Figuren, Pygmalion eine (lebende) Statue der Aphrodite[21]. Die Entwicklung reicht über die Alchimisten zu Mary Shelleys Frankenstein oder der moderne Prometheus und Faust II ("Was man an der Natur Geheimnisvolles pries, / das wagen wir verständig zu probieren")[22] und vielen weiteren Werken. In unserem Jahrhundert haben wir dann Gustav Meyrinks Der Golem und Aldous Huxleys Schöne Neue Welt, wo 600 Jahre entfernt in der Zukunft im "Bokanowskyverfahren" menschliche Viellinge hergestellt werden: Dieses Verfahren ist "eine der Hauptstützen menschlicher Beständigkeit. Menschen einer einzigen Prägung, in einheitlichen Gruppen. (...) Sechsundneunzig völlig identische Geschwister bedienen sechsundneunzig völlig identische Maschinen!" - In der Tat! Welch ein Fortschritt.

Im April 1988 wurde vom US-Patentamt meines Wissens erstmalig ein Patent für ein gentechnisch manipuliertes Lebewese erteilt - eine Maus, die besonders gut in der Krebsforschung eingesetzt werden kann. Man muß darin eine folgerichtige Entwicklung abendländischer Einstellung zum Leben und zur Wissenschaft sehen: Lebewesen werden entwickelt wie ein neuer Motor und damit sind sie Objekt des Urheberrechts.

Unsere Nachdenklichkeit heute beschränkt sich auf die Unaufhaltsamkeit technischer Entwicklungen[23] und auf den Super-GAU, die große Katastrophe eines Unfalls, die beim Kernkraftwerk eine Region, beim manipulierten Virus die ganze Welt ruinieren könnte. War eine unabwendbare Katastrophe die Offenbarung für unseren Jüngling?

In früheren Zeiten, als man sich solche Unfälle ohne jedes Maß durch Menschenhand noch nicht vorstellen konnte, bewegte mehr die Frage, ob der Mensch sich die Schöpferkräfte der Gottheit aneignen dürfe. Für Schiller geschieht die Entschleierung, die Offenbarung bisheriger Geheimnisse, die nicht durch die Gottheit selbst erfolgt, deshalb noch mit „ungeweihter, schuld'ger Hand"; sie ist dem Menschen bereits von seinem Gewissen untersagt (v. Wiese) und wird meist bestraft.

Ich halte es nicht für falsch, dem Gedicht die Deutung eines Blickes in die wissenschaftlich-technische Zukunft zu geben.

 

IV. Wer den Schleier hebt, sieht sich selber

 

In einem als Rätsel verschlüsselten Text muß man allen Bedeutungen und Bildern nachgehen. „Ägypten" - im Altertum und für Schiller galt es als Land geheimnisvollen Wissens; deshalb war der Jüngling angereist. Aber Ägypten war auch das Land unbeschwerter Lebensfreude und ausschweifender Feste. Schon Herodot berichtet davon; es war Cleopatras Heimat, und Marcus Antonius, der sich gern als Dionysos feiern ließ, hatte Ägypten zu seiner Wahlheimat gemacht. Noch in der britischen Kolonialzeit war Alexandrien bei Europäern nicht allein wegen seines Klimas beliebt, sondern vor allem, wie der englische Schriftsteller Lawrence Durrell bekannte, wegen "des sexuellen Angebots, das überwältigend in Vielfalt und Überfluß" sei.[24]

Wir wissen über unseren Jüngling nicht viel. Aber nachÄgypten war er nicht des Lebens wegen gekommen, sondern zum Studieren. Warumbrach er im Angesicht der Wahrheit zusammen, körperlich und psychisch?„Besinnungslos und bleich, / So fanden ihn am andern Tag die Priester / AmFußgestell der Isis ausgestreckt. ... Auf ewig / War seines Lebens Heiterkeitdahin.“ - Schiller hätte es nicht drastischer beschreiben können.

Es gibt keine eindeutige Antwort. Ich glaube, er hatsich selber gesehen.[25] Sowie er tatsächlich ist.

Diese Interpretation dürfte von allem am leichtestenund zugleich am schwersten zu begründen sein. Am leichtesten, weil ein Teil derLeser spontan zustimmen wird: Dies ist die Auflösung – sie bedarf gar keinerBegründung. Andere wird diese Interpretation nicht überzeugen, und auch eineErläuterung wird daran vielleicht nichts ändern. Ich möchte sie trotzdem mit einigenskizzenhaften Strichen versuchen:

 

IV. 1.

 

In Deutschland leben mehrere Millionen alkohol- undtablettensüchtige Menschen. Warum sind sie süchtig? Warum ruinieren sie ihreGesundheit? Weil sie im Verlauf ihres Lebens entdecken mussten, dass sie nichtfähig sind, glücklich zu werden, ihre Träume vom Leben zu verwirklichen; weilsie nicht ausgelassen und lebensfroh sein können, weil ersehnte Partnerschaften[26]keinen Bestand haben, weil sie von anderen Menschen enttäuscht wurden, weilEinsamkeit ihnen das Leben zur Hölle macht.

Wenn Menschen das Bild, welches sie anderen und sichselbst vorspielen, nicht mehr durchhalten, oder wenn sie von ihrer Umgebungdurchschaut werden, dann greifen sie zum Alkohol oder zu Tabletten. Manchestürzen sich in Arbeit, um diese Begegnung mit sich zu vermeiden – überfüllteTerminkalender vermitteln nicht nur die Illusion eigener Bedeutung undUnentbehrlichkeit, sie verhindern auch, daß man Zeit findet, über sichnachzudenken. Ich kenne einige Menschen, auf die genau diese Beschreibung paßt;die meisten von ihnen gelten als überaus erfolgreich – bis das Schicksal sieeines Tages zwingt, sich selbst zu sehen.

Wir verwenden viel Kraft auf die Rolle, die wiranderen vorspielen. Wir verdrängen die Wirklichkeit aber auch vor uns selber;wir wollen nur das Bild sehen, das wir von uns spielen. Eine ganzeWissenschaft, die Psychologie, beschäftigt sich damit, herauszufinden, wie wirwirklich sind; ihre mäßigen Erfolge zeigen, wie sorgfältig die Mimikryaufgebaut ist.

Im Alltagsleben wird uns diese „Schauspielerei“ nichtoft bewußt. Aber wenn wir unter Druck geraten, werden wir immer wieder einmalmit der Wahrheit über uns konfrontiert. Wenn eine Partnerschaft zerbricht, wennuns jemand seine Meinung über uns sagt und wir im tiefsten Innern fühlen, wierecht er hat. (Was ist schlimmer, als wenn wir bloßgestellt werden? Wenn unsereSchwächen, unsere unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte zum Gespött gemachtwerden?) Auch wenn wir in einer Prüfung stehen, ahnen wir unsereSchauspielerei, unsere Schwächen, unsere Angst. Zu meinem beruflichen Alltaggehört die Prüfungsangst von Studenten; ich habe Studentinnen erlebt, diewirklich sprachlos wurden, die nicht einmal mehr ihren Namen sagen konnten.Prüfungsangst ist in erster Linie eine übersteigerte Angst zu versagen undbloßgestellt zu werden.

Immer wieder einmal können wir uns also selber sehen.Nicht das Äußere des Schauspielers, sondern was und wie wir wirklich sind –nicht im Spiegel, sondern in einem Bild ganz ähnlich, wie Dorian Gray sichsieht.

Vor allem erfahren wir im Verlauf der Jahre immerwieder, daß wir die Probleme unseres Lebens, unserer Persönlichkeit nicht lösenkönnen. Sehnsüchtig grüßt der, der ich bin, den, der ich sein könnte[27].Objektiv mögen die Schwierigkeiten banal sein, aber dem Betreffenden rauben siedes Lebens Heiterkeit. Wie Sisyphos schleppt er in immer neuen erfolglosenAnläufen seine Last den Berg hoch. Bis er nicht mehr kann: Dann werden Menschenzum Alkoholiker, zum Tablettensüchtigen – Millionen Menschen in Deutschland.Und Tausende scheiden Jahr für Jahr zerbrochen aus dem Leben.

Sie alle haben sich gesehen, haben hinter die Schminkegeschaut, mit der sie sich und ihrer Umgebung bis dahin etwas vorspielten.

 

IV. 2.

 

Folgt man dieser Auslegung, dann hat der Jüngling inSaïs sich selbst, ungeschminkt und ohne Verstellungskünste, sein Leben,vielleicht seine Unfähigkeit zum Glücklichsein gesehen. An solcher Wahrheitzerbrach er.

Diese Interpretation des Gedichtes ist nichtwillkürlich aus der Luft gegriffen. Warum sucht ein junger Mensch die Wahrheit?Möglich, daß eine überragende Intelligenz ihm die Erkenntnisse seinerbisherigen Lehrer als lumpige Geminplätze erscheinen läßt und er bei weiserenLehrern in Ägypten nun mehr erfahren will. – Ich glaube jedoch, daß der Blickeines jungen Menschen eher in die eigene Zukunft geht. Sucht er nichtAnhaltspunkte für Antworten auf die Fragen: Werde ich glücklich sein? Werde ichgeliebt – wie kann ich liebenswert sein?[28] Erwill die Wahrheit über sich erfahren, denn er kennt sich bisher kaum.

Als junger Mensch glaubt man im allgemeinen dieZukunft offen vor sich; alles ist möglich: die Zukunft ist ein Spiel, bei demman nur gewinnen kann. Zum jungen Menschen gehören die Träume. Werden sie sicherfüllen? Was muss ich dafür tun? Erst später entdeckt man Schritt für Schrittdie engen Grenzen. Was bleibt von einem Leben, wenn man die Träume verlorenhat? Ist das nicht der Augenblick, wo man sieht, wie man wirklich ist? Warumerinnern sich alte Menschen so gern an "früher"? Weil damals für sienoch alles offen war. Sie steckten voller Schwung und voller Hoffnung – undvoller Illusionen über sich. Sie hatten sich noch nicht gesehen. Das kam erstschrittweise: Partnerschaften und Freundschaften scheiterten, die Ehe wurde mitHoffnungen begonnen, die sich nicht erfüllen konnten, Kinder sollten das Glückbringen oder Arbeit. Und eines Tages trugen die Illusionen, die Kartenhäuserihres Lebens nicht mehr; da entdeckten sie, daß sie das Leben versäumten oderschon versäumt hatten. Sie spürten, was der junge Schiller in einemKrisenaugenblick gedichtet hatte: Was man von der Minute ausgeschlagen, gibtkeine Ewigkeit zurück.[29] DenSpruch, daß jeder seines Glückes Schmied sei, muß ein besonders dummer oderzynischer Mensch erfunden haben.[30]

Vielleicht empfand unser Jüngling, wie er sich in dieWissenschaft und in die Arbeit geflüchtet hat, weil er zum Leben und zur Freudesich tief in seinem Innern nicht bekennen kann.[31]Immerhin kam er ja nicht des ausgelassenen Lebens wegen nach Ägypten. DaßSchiller von "seines Lebens Heiterkeit" weiß, steht dem nichtentgegen; wir wissen von vielen Arbeitsmenschen, daß sie eine äußerlicheHeiterkeit zur Schau stellen; das gehört zu der Rolle, die sie uns und sichvorspielen. Mit Arbeit flüchten sie vor sich selbst. Ihre innere Leere schüttensie damit zu und betäuben die Angst, sich eines Tages eingestehen zu müssen,daß sie (zum Beispiel) nichts als einsam waren.

 

 

IV. 3.

 

Für die hier vorgeschlagene Interpretation lassen sichBeispiele aus der Literatur anführen; Romangestalten, die ein Autor mit derSituation konfrontierte, daß sie sich selber erkannten – und daranverzweifelten.

In Tolstois Kriegund Frieden sagt Fürst Andrej: "Ach, mein Freund, mir ist in letzterZeit das Leben recht schwer geworden. Ich sehe, daß ich anfange, zu viel zuverstehen. Aber es taugt nicht für den Menschen, vom Baum der Erkenntnis desGuten und Bösen zu essen..."[32] DerFürst leidet zwar auch an einem Jammer über den Zustand der Welt. Aber es sindseine eigenen Lebensumstände und seine eigene Unfähigkeit, Zufriedenheit zufinden, die ihn schließlich verzweifeln lassen. Der wohlhabende, junge Adligeist nicht fähig, das eigene Leben zu organisieren und ihm einen Inhalt zugeben. Seine Lebensumstände haben dem Fürsten Andrej einen Blick hinter denVorhang aufgezwungen; damit war seines Lebens Heiterkeit dahin (falls er sie jehatte), und wäre er nicht seiner Kriegsverletzung erlegen, hätte ihn ein tieferGram zum frühen Grabe gerissen. Andrej Bolkonskij, ein Mann von Mitte dreißig,hatte sich selbst erkannt.

Ein zweites Beispiel:

Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen,fragte sich Thomas Buddenbrook, was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlichnoch berechtige, sich auch nur ein wenig höher einzuschätzen als irgendeinenseiner einfach veranlagten, (biederen) und kleinbürgerlich beschränktenMitbürger. Die phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seinerJugend war dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, miteinem halb ernst, halb spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben, denenman nur einen Gleichniswert zuerkennt, - zu solchen heiter-skeptischenKompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel Frische, Humor und guterMut; aber Thomas Buddenbrook fühlte sich unaussprechlich müde und verdrossen.

Was für ihn zu erreichen gewesen war,hatte er erreicht, und er wußte wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wennüberhaupt, wie er bei sich hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigenLeben von einem Höhepunkte die Rede sein konnte, längst überschritten hatte.(...).

War aber der Senator im Fortwirken fürdas alte Firmenschild, dem er ehemals mit so viel Enthusiasmus gedient hatte,durch erlittenes Mißgeschick und innere Mattigkeit gelähmt, so waren seinemEmporstreben im städtischen Gemeinwesen äußere Grenzen gezogen, dieunüberschreitbar waren. (...) Der gänzliche Mangel eines aufrichtig feurigenInteresses (...) (und seine zähe) Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zurepräsentieren, (...) hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich,bewußt, gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, jedegeringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibendenSchauspielerei geworden war. (...) Nur ein Wunsch erfüllte ihn dann: diesermatten Verzweiflung nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause seinen Kopfauf ein kühles Kissen zu legen.[33]

Dies ist die Bilanz eines erfolgreichen undanerkannten Mannes, eines Konsuls und Senators, in mittleren Jahren! ThomasBuddenbrook sah die Wahrheit über sich, über sein bisheriges (Arbeits-) Leben,über die künftigen Lebenschancen. Seines Lebens Heiterkeit war dahin (falls ersie je hatte), und ein tiefer Gram riß ihn zum frühen Grabe.

Ich möchte auch noch auf die Tatsache aufmerksammachen, daß unzählige Dichterinnen und Dichter, Schriftstellerinnen undSchriftsteller, Künstlerinnen und Künstler aüßerst unglückliche Menschen waren.Kaum eine/einen könnte man jungen Menschen als Vorbild für die eigeneLebensorientierung nennen. Ich glaube, daß viele von ihnen der hiervorgeschlagenen Interpretation zustimmen würden.[34] Sindnicht auch sie durch eigene Sensibilität oder enttäuschende Lebensumstände indie Situation gekommen, daß sie die Wahrheit über sich selber, über ihreUnfähigkeit zur Zufriedenheit, zum glücklich-entspannten Leben erkennen mußten.Ich denke nicht nur an die relativ große Zahl derjenigen, die den Freitodwählten. Jeder hatte und hat seine eigenen ungelösten und für ihn nichtlösbaren Lebensprobleme: James Joyce, der Zeiten erlebte, in denen er öfter imRinnstein aufwachte als in seinem Bett, und der ohne seine Frau vermutlichschlicht zugrunde gegangen wäre. Virginia Woolf mit Depressionen undLebensangst. Samuel Becket, mit seinem deprimierenden familiären Hintergrundund seinem Nichts an Lebensfreude - eine fürchterliche Biographie. Bert Brecht,dessen Lebensangst so groß war, daß er schon als Zwanzigjährigerpsychosomatische Herzbeschwerden hatte, die er nie überwand. Ähnlich dem Asthmavon Marcel Proust. Auch Goethe gehört in die Liste: der gescheiterte Aufklärer,gescheiterte Politiker, gescheiterte Liebhaber, der in seinen meistenFreundschaften scheiterte und unter Einsamkeit litt, der sein halbes Leben langunverstandene Dichter, über den das Lesepublikum nur die Nase rümpfte.[35] DieSchwestern Bronte, Hölderlin, Kleist, Kafka, Hemingway, Klaus Mann... eineendlose Aufzählung.

Vielleicht kann Literatur,  oder Kunst ganz allgemein, nur unter starkeminneren Druck entstehen. Ein Beispiel: Es ist schlichtweg nicht denkbar, daßBalzac als wohlhabender Schloßbesitzer auch nur eine einzige Novelle zu Papiergebracht hätte![36]

Von Botho Strauß stammt das Bekenntnis: Man schreibtaber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo maneine natürliche nicht mehr besitzt. Das heißt nichts anderes, als daß derSchriftsteller, der sich schrittweise selber entdeckt, sich isoliert und denKontakt zum Leben der anderen verliert, die natürliche Heimat des Menschen.

Man erschreibt sich Scheinwelten, weil man das realeLeben nicht erträgt.

 

IV. 4.

 

Es ist eine sehr ernste, vielleicht deprimierendeDeutung des Gedichts, daß wir verzweifeln können, wenn wir (durch)schauen, wiewir wirklich sind. Aber das liegt nicht am Interpreten, sondern an der Vorgabedes Dichters: Er läßt alleLebensfreude enden und seinen Helden sterben.

Mir scheint jedoch, dass Schiller mit dem Scheiterndes Jünglings eine ebenso richtige wie tiefgründige Aussage über diemenschliche Psyche macht. Ob intuitiv durch die Beobachtung seiner Mitmenschenoder durch eigenes Erleben, wird man nicht mehr klären können. Schiller hielt sichmit Reflexionen über seine Person sehr zurück. Der junge Schiller beschriebsich allerdings in einem Brief als einen Menschen, der „keinen nagenderenKummer hat, als daß er das so wenig ist, was er so gern seyn möchte“[37]. Erverfiel immer wieder in Stimmungen der Einsamkeit, auch wo es objektiv kaumGründe dafür gab. Für Schiller waren Freundschaften elementar wichtig; andersals Goethe zerstörte er sie nicht mutwillig. Die Einsamkeit war einfach in ihm.Es ist ein wenig wie bei Thomas Buddenbrook, den Thomas Mann sagen läßt: DerErfolg ist in uns oder nirgends.

Innere Freiheit, Selbstvertrauen, Zufriedenheit, mitsich und der Welt im Gleichgewicht sein - wer schafft denn das? Und doch ist esunser aller Traum. Es steckt hinter unseren Lebenswünschen, wie die auch immerformuliert sein mögen. Aber wer kann am Ende auf ein erfülltes Lebenzurückblicken? Einige behaupten es; hoffentlich schaut ihnen die Lebenslügenicht aus matten Augen. – Schon in der Antike sah die Philosophie eine ihrerHauptaufgaben in der „Lebenshilfe“. Die Epikureer mahnten, die Freuden dasAlltags zu genießen; die Stoiker betonten den Ernst des Lebens und sahen einerfülltes Leben nur in der Erfüllung unserer Pflichten. Die ostasiatischenWeisheitslehren fordern die Orientierung nach innen. Alle wollen uns helfen,Gelassenheit, Frieden und Zufriedenheit zu finden – damit wir nicht abstürzenwie der Jüngling zu Saïs.

Ich habe vier Vermutungen erläutert, welcheOffenbarung sich hinter dem Schleier der Wahrheit verbergen könnte. Welche ist dieRichtige? Ich möchte mit Karl Popper enden: „Wir wissen nichts, wir raten.“

 

 

 

[1]   Johannes 18, 38.

[2]   Benno von Wiese, Friedrich Schiller(Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 3. Aufl. 1963), S. 605.

[3]   Entgegen einer immer noch verbreitetenAnsicht handelte es sich wahrscheinlich nicht um Tuberkulose, sondern um eineLungenentzündung, die im weiteren Krankheitsverlauf zu einer damals unheilbarenBauchfellentzündung führte und auf Dauer alle inneren Organe angriff. - Vgl.Benno v.Wiese, S. 296f.

[4]   Fritz Zorn, Mars, München: Kindler 1977(auch als Fischer-Tb), ein voller Bitternis geschriebenes Buch. AlsGegenbeispiel ließe sich anführen Maxi Wander, Leben wär' eine primaAlternative, Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1980. Auch aus dem Bereich vonAIDS-Kranken ist über das baldige Sterbenmüssen geschrieben worden.

[5]   Vgl. als Einführung Hans Küng, EwigesLeben?, München: Piper 1982.

[6]   Vgl. etwa Platon, Des Sokrates Verteidigung,c. 39a ff. (Nach Verkündigung des Todesurteils).

[7]   Nur Jesus und einer der gekreuzigtenVerbrecher werden noch am Nachmittag im Paradiese sein, können wir bei Lukas23, 43 lesen (die anderen Evangelisten wissen davon allerdings nichts).Außerdem gibt es noch ein paar Ausnahmen einiger "Himmelsfahrten".

[8]   Im Werk nicht ganz eindeutig, vgl.einerseits etwa das am Ende einer unglücklichen Beziehung geschriebene Gedicht"Resignation" (dazu v.Wiese aaO S. 230 ff.); und andererseits dasbald darauf verfaßte "An die Freude".

[9]   Vgl. zur Bedeutung der Philosophie fürSchiller B.v.Wiese insbes. Kap. 5, 6, 15, 17, 24 I und IV.

[10]   Platon, Der Staat, Buch VII, c. 1 ff. (514aff.).

[11]   Eratosthenes u.a. berechneten ausWinkelmessungen die Größe der Welt (recht genau) und die Abstände zu Sonne undMond (zu kurz; die wirklichen Werte hätten sie nie geglaubt). - Ausführlichdazu z.B. Shmuel Sambursky, Das physikalische Weltbild der Antike, Zürich:Artemis 1965.

[12]   Ausführlich Sambursky, aaO.

[13]   Den Zugang zu seinen einschlägigen Schriftenerleichtern die in den folgenden Fn. genannten Bücher Hoimar v.Ditfurths.

[14]   Hoimar v. Ditfurth, Innenansichten einesArtgenossen, Düsseldorf: Claassen 1989, S. 379 f. Klammerzusatz im Original.

[15]   Als Einstieg eignen sich Paul Davies, DieUrkraft, New York 1984, München: dtv 1990; ders., Gott und die moderne Physik,New York 1982, München: Goldmann 1989 (man kann durch die Lektüre dieses Buchessehr in seinen Vorstellungen über Gott oder die Seele des Menschen verunsichertwerden, obwohl der Autor das nicht beabsichtigt); Reinhard Breuer, Die Pfeileder Zeit, München: Meyster 1984 (auch als Ullstein-Tb); Hoimar v.Ditfurth, DerGeist fiel nicht vom Himmel, Hamburg: Hoffmann und Campe 1976 (auch bei dtv); ders.,Wir sind nicht nur von dieser Welt, Hamburg: Hoffmann und Campe 1981 (auch beidtv); ders., Innenansichten eines Artgenossen, Düsseldorf: Claassen 1989. - Vonder Kommunikationsforschung kommend: Paul Watzlawick, Wie wirklich ist dieWirklichkeit? München: Piper 1976/78 (div. Nachdrucke). - Für Fortgeschrittene:Douglas R. Hofstadter, Gödel, Escher, Bach, Stuttgart: Klett-Cotta 1985.

[16]   Zitate in diesem Absatz aus den Büchern vonPaul Davies.

[17]   Als Einstieg eignen sich Hoimar v.Ditfurth,So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit, Hamburg: Rasch undRöhring 1985 (auch als Knaur-Tb), Kap. 2, 4 und 5; Frederic Vester, Unsere Welt- ein vernetztes System, Stuttgart: Klett 1978 (auch bei dtv); ders., Neulanddes Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter, Stuttgart: DVA1980; Sighard Wilhelm, 20 Jahre Umweltpolitik in der Bundesrepublik,Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (erscheint demnächst).

[18]   Auf dem 19. Feld liegt erst ein Sack Korn;aber dann geht es explosionsartig weiter: auf dem 54. Feld liegt bereits dieJahresweltproduktion und auf dem letzten (64.) Feld die Welternten der nächsten1000 Jahre! - Vgl. Frederic Vester, Unsere Welt - ein vernetztes System, aaO S.45 ff.

[19]   Nimmt Bezug auf Martin Luthers Wort "Undwenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute meinApfelbäumchen pflanzen".

Karl Popper, einer der großenErkenntnistheoretiker der Gegenwart, hat uns Menschen in einem Fernsehinterviewso beschrieben: "Wir sind wie ein schwarzer Mann, der in einem schwarzenKellerraum nach einem schwarzen Zylinder sucht. Wir kennen die Wahrheit nicht,wir wissen sie nicht, wir haben sie nicht. Wir wissen nichts, wir raten."

[20]   Vgl. Robert von Ranke-Graves, GriechischeMythologie, GB 1955, Reinbek: Rowohlt 1960 (div. Nachdrucke), etwa Kap. 88 e.

[21]   Ovid, Metamorphosen, X, 243 ff.

[22]   Laboratorium, V. 6840 ff.

[23]    In der Politikwissenschaft spricht man vom technisch-industriellen Komplex oder vomSachzwang.

[24]   Zitiert nach Der Spiegel, Nr 21 (22. Mai 1989), 186 ff. (189).

[25]   Während der Drucklegung erfahre ich, daßSchillers Freund Novalis schrieb: "Einem gelang es, er hub den Schleierdes Gottes zu Saïs. / Aber was sah er? Er sah: Wunder der Wunder - sichselbst."

Mit einem so starkenVerbündeten hatte ich nicht gerechnet. - Den Hinweis verdanke ich F. Wyatt, Die Psychoanalyse am Ende ihres erstenJahrhunderts, Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft500 (Okt./Nov. 1990), S. 891 ff. (898).

[26]    Zur Behandlung von „Beziehungskisten“ inder Literatur von den Wahlverwandtschaften bis Wohmann und Botho Strauß vgl.Edgar Wilhelm, Das Ende der Verhältnisse.Trennungsproblematik in der gegenwärtigen Literatur, Gauke´s Jahrbuch 1981(Hann. Münden: Gauke Verlag 1980), S. 100 ff.

[27]   Dostojewski, wenn ich nicht irre. Unten beiFn. 37 eine ähnliche Aussage von Schiller über sich.

[28]    Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, USA 1956 (Frankfurt/M.: Ullstein 1979), S.15; ein wichtiges Buch für die hier angesprochenen Fragen.

[29]   Schluß des oben Fn. 8 genannten Gedichts"Resignation".

[30]    Das Thema der Willensfreiheit oder derZwangsläufigkeit von Entwicklungen in unserem Leben kann hier nur erwähntwerden; vgl. etwa Sartres Das Spiel istaus.

[31]    Siehe Erich Fromm, a.a.O., S. 36.

[32]   Tolstoi, Krieg und Frieden, 10. Teil, 25.Kap. Hier zitiert nach der Ausgabe des Winkler Verlages, München 1956 (div.Nachdrucke), S. 1064.

[33]    Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einerFamilie, Zehnter Teil, 1. Kapitel

[34]    Vgl. das Novalis-Zitat, oben Anm. 25.

[35]   Vgl. dazu die kleine Schrift von Hans Mayer,Goethe. Ein Versuch über den Erfolg, Frankfurt/M: Suhrkamp 1973.

[36]    Allgemein empfehlenswert (auch fürSchüler!) und auch unter dem hier angesprochenen Aspekt Stefan Zweig, Balzac. Eine Biographie.

[37]    An Körner, zitert nach v. Wiese, a.a.O., S.39.