Die Sandrachs. Roman über eine Familie in der Bonner Republik

Hier: Die Spiegel-Affäre       

        


            

 

 

 

 

Im Roman Die Sandrachs wird die Lebensgeschichte der beiden Sandrach-Brüder Albert (im Bonner Raum) und Günther (in West-Berlin) und ihrer Familien erzählt. 

 

 1962

 

 

Trotzdem. Es gab nörgelnde Äußerungen über den Bundesminister der Verteidigung. Nicht nur, dass der Spiegel aus Hamburg ständig stänkerte, und Affären ans Licht zog. Es war schon sehr bitter, wie sie mit Deutschlands fähigstem Politiker - Albert ordnete ihn noch vor Adenauer ein - umgingen. Einmal hatte sein Dienstwagen angeblich vorschriftswidrig in Bonn eine Kreuzung passiert, ein subalterner Polizist hatte ihn gestoppt, und der Minister hatte später eine Maßregelung des Polizisten verlangt. Es war schon eine Frechheit, in welcher Art der Spiegel sich dieser Sache angenommen hatte. Oder diese ewigen Korruptionsvorwürfe, die sie Strauß anhängen wollten! Albert lachte manchmal und meinte einmal zu Christian: „Dazu ist der Strauß doch viel zu clever! Den legen diese Schmierfinken nicht aufs Kreuz.“ – Für die Antwort seines Sohnes hätte er ihm am liebsten eine runtergehauen: „Du hältst die Vorwürfe also für berechtigt. Strauß ist nur zu clever, sich nichterwischen zu lassen. Ja, so sehe ich das auch.“

Das alles war einfach ärgerlich. Die Sozis warteten ja jeden Montag schon auf die nächste Story im Spiegel, um ihrerseits dem Minister am Zeug zu flicken.

 

Nun, in einigen Jahren würde Strauß vielleicht der neue Kanzler sein. Wer wollte das wissen. Es gab eine starke Fronde in der Union, die Adenauer ins Altenteil abdrängen wollte. Strauß gehörte natürlich dazu. Aber die meisten waren Ehrgeizlinge ohne jedes Format, Albert verachtete die meisten von ihnen. Barzel, Gerstenmeier, Schröder.

Also Albert stand sich gut mit Strauß. Vielleicht würde er unter einem Kanzler Strauß endlich den verdienten Staatssekretärsposten bekommen. Und die FDP, die Umfaller-Partei, diese Figuren für die Witzblätter? Natürlich wollten die auch Adenauer weghaben. Seit zig Jahren schon. Das ist immer so mit den kleinen Geistern, dachte Albert. Sie ertragen Größe in ihrer Nähe nicht. Aber der Alte hat sie ja erst im letzten Jahr so richtig über den Tisch gezogen! Die halbe Republik lacht sich nun schief über Mende und Konsorten.

*

Noch bevor die Kuba-Krise mit den Aufklärungsfotos am 14.Oktober begann, hatte sich in Deutschland eine eigene Affäre vorbereitet. Von der Öffentlichkeit unbemerkt zunächst; auch Albert hatte nichts mitbekommen. Doch die Affäre wuchs sich zu einer Regierungskrise aus und führte zum Rücktritt aller Bundesminister.

Am 8. Oktober hatte Albert, als er mittags für eine Stunde nach Hause kam, den neuen Spiegel aus dem Briefkasten gezogen. „Bedingt abwehrbereit“ lautete die Titelstory über den Generalinspekteur der Bundeswehr. Jetzt haben sie mal wieder die Bundeswehr auf dem Kieker, dachte Albert abfällig über die Schmierfinken aus Hamburg. Ahlers und Schmelz hatten den Artikel zusammengeschmiert. Albert las ihn noch auf dem Rückweg ins Palais Schaumburg. Augstein und Konsorten stänkerten nicht nur gegen die Bundeswehr, sondern auch gegen ihren Minister Strauß. Unter Berufung auf Ergebnisse des NATO-HerbstmanöversFallex warfen sie dem Bundesminister der Verteidigung vor, ein falsches militärpolitisches Konzept zu verfechten. Nämlich zu sehr auf das atomare Waffenpotential zu vertrauen, daher konventionelle Waffen zu vernachlässigen und so insgesamt die Strategie der Abschreckung zu schwächen. Für kleine Zwischenfälle brauche man eine robuste Truppe, keine Atombombe. Könne man denn wirklich, fragte der Spiegel scheinheilig, bei einem bloßen Grenzgeplänkel mit dem Ostblock ernsthaft mit einem Atomkrieg und der Vernichtung der Welt drohen? Natürlich! dachte Albert empört. Eine andere Sprache verstehen die Kommunisten doch nicht! Warum haben wir denn schon so lange Frieden? Doch nur, weil die Roten wissen, wir schlagen sofort mit Atomwaffen zurück. Albert ärgerte sich über die Kritik des Spiegel besonders deshalb, weil sonst immer die hohen Militärausgaben benörgelt wurden. Wer keine atomare Abschreckung in Mitteleuropa wollte, musste auch höhere Kosten konventioneller Rüstung, etwa für Divisionen schwerer Panzer, bejahen. Man konnte nicht gleichzeitig teure konventionelle Rüstung und billige Atomabschreckung ablehnen.

Wir könnten die konventionell bewaffneten Truppen noch weiter abrüsten, dachte Albert, wenn wir sie nicht für den Fall innerer Unruhen brauchen würden; wenn nämlich die Kommunisten hier einen Aufstand anzetteln! Albert wusste natürlich, dass die Verfassung solche Bundeswehreinsätze verbot – aber wenn es einmal so weit wäre, würde er schon einen Weg finden, die Republik mit der Bundeswehr zu schützen.

Er ärgerte sich maßlos über die gleichzeitige Ignoranz und Inkonsequenz der Journalisten. Einige Informationen machten ihn allerdings besorgt. Die Kampfkraft der Verbände schien ja wirklich nicht so groß zu sein, wie er bisher geglaubt hatte. Falls es die Pannen wirklich gegeben hatte, die geschildert wurden, müsste man die schnellstens abstellen. Im Kanzleramt hatte er jedenfalls davon nichts gehört.

Albert hatte den Bericht bald vergessen. Auch dass sein lieber Sohn ihn am Abend mit grellem Spott in der Stimme angerufen und auf den Bericht angesprochen hatte. Womit habe ich nur solche Kinder verdient? fragte sich Albert kurz und wandte sich wieder den wichtigeren Fragen zu. Wichtiger war beispielsweise, dass Staatssekretär Hans Globke in Pension ging und ab 15. Oktober sein Nachfolger Westrik kam.

Zehn Tage später, Donnerstag, 18. Oktober, klingelte kurz vor Mitternacht das Telefon. Albert lag im ersten Schlummer. Er hörte dasKlingeln nur, weil er zufällig die Arbeitszimmertür offen gelassen hatte.Äußerst unwirsch rollte sich Albert aus dem Bett und ging barfuß mitflatterndem Nachthemd an den Apparat.

„Westrik hier...“ Albert war hellwach. „Herr Sandrach, estut mir leid, dass ich Sie jetzt noch stören muss...“ - „Aber HerrStaatssekretär, ich bitte Sie. Sie stören nicht.“ - „Die Bundesanwaltschaft hateine schwerwiegende Affäre aufgedeckt. Ich komme gerade vom BK.“ VomBundeskanzler also. „Ich bitte Sie, morgen früh sofort zu mir zu kommen. Ichmöchte, dass Sie unser Verbindungsmann zu anderen Stellen sind. Und strengstesStillschweigen!“

Albert hatte nach diesem kurzen Anruf Mühe einzuschlafen.

Am nächsten Morgen saß er kaum im Sessel vor demSchreibtisch seines Staatssekretärs, als der schon lossprudelte. Vor zehn Tagensei der Spiegel mit dem Bericht„Bedingt abwehrbereit“ erschienen. Albert nickte. Der Staatssekretär sah aus,als hätte er die Nacht durchgemacht.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sei sogleich auf den Spiegel-Bericht aufmerksam geworden. Siehabe vom Bundesverteidigungsministerium ein Gutachten darüber angefordert, obdiese Titelgeschichte geheime Informationen enthielt, deren Veröffentlichungdie Sicherheit Deutschlands gefährden könnte. Gestern Abend nun habe derBundesminister der Verteidigung den BK unterrichtet, dass Verrat begangen wurde.Das Gutachten des Ministeriums gehe heute nach Karlsruhe. Der Minister werdeden BK weiterhin direkt unterrichten. Aber für die nun anlaufenden Aktionen derBundesanwaltschaft und der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes wolle derBK einen juristisch versierten Beamten bei den anderen Dienststellen haben. Esgehe darum, die Aufsicht zu führen und das Kanzleramt sofort von neuenEntwicklungen zu unterrichten. „Das sollen Sie übernehmen. Herr Globke gab mirdiesen Rat.“ Staatssekretär Westrik lächelte zum ersten Mal, und Albert beeiltesich, für das Vertrauen zu danken.

„Der Herr Bundeskanzler gab die generelle Anweisung, dassder Verdacht des Geheimnisverrats ohne Ansehen von Namen und Rang zu klären undstrenge Geheimhaltung sicherzustellen sei. Bitte nehmen Sie sofort Kontakt mitStaatssekretär Hopf im Verteidigungsministerium auf.“

Albert ließ sich ins Ministerium fahren. Hopf berichteteihm, die Bundesanwaltschaft habe ihren Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback undBeamte der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes nach Hamburggeschickt. Jetzt werde noch einige Tage recherchiert. „Und dann nehmen wir denganzen Laden hoch.“ Albert fragte, warum nicht gleich. Je eher, desto besser.

„Nein, wir wollen sie in Sicherheit wiegen. Dann ist derSchock für sie grösser. Vielleicht können wir inzwischen auch ihre Informandenaufdecken. Wenn sie sich nicht verfolgt fühlen, wird das möglich sein.Jedenfalls werden die Spiegel-Leutenichts mehr gegen den Minister schreiben. Die sind ruiniert. Denen machen wirwochenlang den Laden zu, davon erholen die sich nie mehr. Außerdem kommen siealle auf Jahre hinter Gitter.“

Das war nach Sandrachs Geschmack. Da war er gerne mit vonder Partie. Dass er selber Spiegel-Leserder ersten Stunde war, wurde ihm nicht bewusst.

„Aber denken Sie daran: Absolutes Stillschweigen!“

Vier Tage später rief Verteidigungsminister Franz JosefStrauß den Staatssekretär des Justizministeriums Dr. Walter Strauß, AlbertsKollegen aus Frankfurter Zeiten, zu sich. Hopf und Sandrach waren anwesend.

„Herr Staatssekretär, ich muss Sie über einen äußersternsten Vorgang unterrichten, der die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschlandberührt.“ Er nickte Hopf zu, und der unterrichtete den zweiten Mann desJustizministeriums über die Verratsaffäre und über das Anlaufen derPolizeiaktion in zwei Tagen.

Staatssekretär Dr. Walter Strauß wollte sein Befremdenausdrücken, dass das Verteidigungsministerium einen Fall bearbeite, der in dieZuständigkeit des Justizministeriums falle. Diekönnen doch nicht einfach die Leitung über die Bundesanwaltschaft übernehmen!dachte er im ersten Moment verärgert. Da werden Stammberger und die ganze FDPlaut aufschreien.

Bevor er aber ein Wort sagen konnte, ergriff MinisterStrauß wieder das Wort: „Ich unterrichte Sie auch darüber, dass eine Weisungdes Herrn Bundeskanzlers vorliegt, den Kreis der vor Durchführung der geplantenMaßnahmen der Bundesanwaltschaft und der Sicherungsgruppe Bonn desBundeskriminalamtes zu benachrichtigenden Personen auf das notwendige Maß zubeschränken. Ich bitte deshalb, den Bundesminister der Justiz bis dahin nichtzu unterrichten. Dies ist eine dienstliche Weisung des Herrn Bundeskanzlers.Herr Ministerialdirektor?“ Minister Strauß blickte zu Sandrach, und der nickte.Es ist schon richtig, Stammberger nichtzu unterrichten, dachte er. DieHälfte der Liberalen steckt doch mit Augstein unter einer Decke. Er wusste,dass der Verteidigungsminister genau dasselbe dachte.

*

Am Freitagabend, dem 26. Oktober, nach 21 Uhr, lief diekoordinierte Polizeiaktion an. Alle Räume der Hamburger Spiegel-Redaktion und des Bonner Büros wurden erstdurchsucht, dann versiegelt. Augstein, 6 Mitarbeiter und vier als Informandenvermutete Männer wurden verhaftet.

Verteidigungsminister Strauß, Hopf und Sandrach wartetenin Strauß' Dienstzimmer. Es wurde wenig gesprochen. Sie hingen ihren Gedankennach oder blätterten aktuelle Aktenvorgänge durch.

Mehrmals wurden ihnen telefonisch Erfolgsmeldungendurchgegeben. Die Stimmung stieg. Gegen Mitternacht klingelte das Telefonwieder. Hopf nahm ab. Aus dem angeschlossenen Lautsprecher hörten sie dieStimme des Anrufers: „Regierungsdirektor Geertz, Sicherungsgruppe Bonn desBundeskriminalamtes. Herr Staatssekretär, der Journalist Ahlers hat sich mitseiner Frau nach Spanien oder Tanger abgesetzt. Wir haben aber inzwischenherausgefunden, dass der deutsche Militärattaché in Madrid, Oberst Oster, denAufenthalt von Ahlers kennt.“

Nach diesem Gespräch schaute Hopf seinen Minister ratlosan.

„Na los schon, rufen Sie Madrid an, deutsche Botschaft.Unterrichten Sie den Attaché.“ Albert Sandrach nickte. Er verstand sich mitStrauß.

Hopf ließ von der Telefonzentrale eine Leitung nachMadrid herstellen.

Es vergingen ein paar Minuten.

„Ihr Gespräch nach Madrid.“ Mehrmaliges Knacken aus demLautsprecher. Dann meldete sich ein Botschaftsbeamter. Strauß ließ sich denHörer geben und ordnete an, sofort den Militärattaché Oberst Oster an denApparat zu rufen. Wieder vergingen ein paar Minuten. Hopf hatte den Hörerwieder übernommen.

„Hallo?“ - „Oberst Oster?“ - „Jawohl.“

„Verteidigungsministerium Bonn. Staatssekretär Hopf amApparat. Guten Morgen, Herr Oberst.“

„Guten Morgen, Herr Staatssekretär.“

Hopf informierte ihn über die Verratsaffäre und dasseiner der Hauptverräter, Conrad Ahlers, sich abgesetzt habe. DieSicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes habe mitgeteilt, er, OberstOster, kenne den Aufenthaltsort des Spions.

Oster antwortete, er sei mit Ahlers befreundet und habevor drei Tagen das Ehepaar bei sich in Madrid zu Besuch gehabt. Er kenne ihrenspanischen Aufenthaltsort, wisse aber nicht, ob Ahlers sich dort noch aufhalte.Er habe einen Ausflug nach Marokko vorgehabt.

Hopf wies ihn an, den Verbrecher durch die spanischePolizei festnehmen zu lassen.

Man merkte deutlich, wie Oster zögerte. Schließlichantwortete er: „Herr Staatssekretär, ich bin kein Jurist, aber ich fürchte, dasgeht nicht so einfach.“ – Wieso, dachteAlbert, soll das ausgerechnet in Spaniennicht möglich sein, in der Franco-Diktatur. Prozessrecht und Auslieferungsrechthin oder her.

Strauß winkte unwirsch nach dem Telefonhörer.

„Herr Oberst, Ich verbinde Sie weiter mit dem HerrnMinister der Verteidigung.“

„Strauß. Herr Oberst Oster, erkennen Sie meine Stimme?“

„Jawohl, Herr Minister!“ Es klang, als sei der Militärattachéin Madrid aufgestanden.

„Herr Oberst, ich fasse Ihnen noch einmal zusammen, wasder Staatssekretär Ihnen bereits ausführlich berichtet hat: DieSicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes rief an und berichtete, dass Sievon der Reise des Herrn Ahlers Bescheid wissen. Der Herr Ahlers wird gesuchtwegen des Tatverdachts des Landesverrats. Gegen ihn liegt einhöchstrichterlicher Haftbefehl vor. Er ist begründet mit Fluchtgefahr und mitVerdunkelungsgefahr. Etwa ein Dutzend deutsche Offiziere sind schon verhaftet.Ahlers ist der Haupttäter. Die Überstellung des Haftbefehls auf diplomatischemWege und durch Interpol ist eingeleitet. Ich komme gerade vom HerrnBundeskanzler. Und was ich jetzt mitzuteilen habe, ist ein dienstlicher Befehlzugleich im Namen des Bundeskanzlers und des Herrn Außenministers. Haben Siedas insoweit verstanden, Herr Oberst?“

„Jawohl, Herr Minister!“

„Der Herr Ahlers ist unverzüglich festnehmen zu lassenund unter Einsatz aller verfügbaren Mittel in die Bundesrepublik Deutschland zuschaffen. Nutzen Sie Ihre Kontakte zum spanischen Innenministerium! Es wirddoch wohl möglich sein, einen deutschen Landesverräter von dort hierher zubekommen! Zugleich haben Sie über diese Vorgänge strengstes Stillschweigen zubewahren. Habe ich mich klar ausgedrückt, Herr Oberst?“

Albert Sandrach hatte anfangs beifällig genickt. Dapackte einer eine Sache richtig an. Ein Jäger, den man nicht zur Jagd tragenmuss. Aber dann meldete sich in Sandrachs Kopf der Jurist, der in einerabgelegenen Abstellkammer in ihm wohnte. Was der Minister da getan hatte, warrechtlich... Sandrach mochte es nicht zu Ende denken. Er wollte jedenfallssofort morgen früh seinen Staatssekretär im Kanzleramt informieren. Dann würdeman ihm keinen Strick drehen können - falls in der Sache etwas passierte. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste,dachte Albert.

*

Ahlers wurde noch in derselben Nacht an seinem Urlaubsortaus dem Hotelbett geholt und im örtlichen Gefängnis in eine Ausnüchterungszellegesperrt, weil weiter nichts frei war. Bei einer Vernehmung am folgenden Morgenerklärte er sich bereit, freiwillig in die Bundesrepublik Deutschlandzurückzukehren.

Drei Tage später dachte er kopfschüttelnd: Wer hätte das je geglaubt? Da behandeln dieuns doch tatsächlich wie Angehörige einer gutausgebildetenSpionageorganisation. Verteilen uns auf verschiedene Gefängnisse, damit wiruntereinander keinen Kontakt aufnehmen können. Auf verschiedene Gefängnisse!Nicht zu fassen. Nehmen mir sogar das Radio wieder ab, das mir ein Beamter ausden Gefängnisbeständen gab, weil es als Sender umgebaut werden könnte... Nichtzu fassen.

Aber als schwerwiegender empfand er, dass bei denwöchentlichen Besuchen seiner Frau ein Ermittlungsrichter desBundesgerichtshofs dabei saß, der sich ungeniert in die Unterhaltung derEheleute einmischte. Als sie einmal von Adenauer sprachen, fuhr er in scharfemTon dazwischen: „Frau Ahlers, in meinem Beisein muss ich Sie bitten, vom HerrnBundeskanzler zu sprechen!“

*

Der Jurist in Albert Sandrach hatte nur die juristischeSituation des Falles skeptisch beurteilt. Sonst fand er alles sachgerechtdurchgeführt. Wie sich dann aber bald zeigte, entwickelte sich die Affäre derStaatsverräter zu einem Pulverfass für die Regierung - auf dem sie selber obendrauf saß.

Wer hätte das gedacht!

Zur Überraschung der bisherigen Akteure gegen dieVerräter nahmen Teile der Öffentlichkeit Partei für die Verräter. AlbertSandrach war sofort klar, dass dahinter nur kommunistische Gruppen steckenkonnten.

Journalistenverbände protestierten. Die Pressefreiheitsahen sie in Gefahr. Studenten gingen auf die Straße. Professoren beklagtenöffentlich die Umstände des Ermittlungsverfahrens als Gefährdung desRechtsstaates. Warum vergingen 18 Tage bis zur Polizeiaktion? War das alleseine Maßnahme speziell gegen den Spiegel?Hatte die Regierung, hatte Strauß nur auf so etwas gewartet? WelcheStaatsgeheimnisse sollten denn in dem Artikel gesteckt haben? Die Manöverkritikund anderes war hunderten von Offizieren bekannt. Keine Geheimhaltung angeordnet.Sollte der Spiegel als kritischesBlatt nur wirtschaftlich ausgehungert werden? Oder warum hielt man dieRedaktionsräume versiegelt? „Gestapo!“ wurden die Ermittler beschimpft.

Natürlich versuchten auch die Sozis sofort wieder, ihrSüppchen zu kochen. Klar, dachteAlbert. Damit hätten wir rechnen müssen.Die Bonner Sozis gaben sich ganz aufgebracht.

Ernster nahm Albert die öffentliche Kritik des HamburgerInnensenators Helmut Schmidt. Der rügte, dass seine Verwaltung erstunterrichtet worden war, nachdem Hamburger Polizisten aus Bonn und KarlsruheEinsatzbefehle erhalten hatten. Formal sei die Kritik berechtigt, meinteSandrach im Kanzleramt. Aber es war ja aus guten Gründen beschlossen worden,den Kreis der Wissenden klein zu halten, erinnerte er noch einmal.

Ärger gab es auch aus der FDP. Als Albert deren Kritiknach einer Woche überdachte, meinte er, hier wären schwere politische Fehlerbegangen worden. Polizeitechnisch fand er alles in Ordnung. Aber politisch warnatürlich ernst zu nehmen, dass Justizminister Stammberger tobte, als er amMorgen im Radio von der Aktion Behörde, die ihm unterstand, gehört hatte. Ineinem Gespräch mit dem Kanzler soll er die sofortige Entlassung seinesStaatssekretärs verlangt haben, hörte Albert Sandrach aus der Gerüchteküche desKanzleramtes. Genauso getobt hatte Willy Weyer, der FDP-Innenminister vonNordrhein-Westfalen, dessen Ministerium man von der Bonner Bürodurchsuchunginformierte, als seine Polizeibeamten das Gebäude schon abgeriegelt hatten. ImGrunde sind sie alle nur verärgert, sagte Sandrach zu seinem Staatssekretär,weil sie sich nicht mehr als bedeutende und einflussreiche Persönlichkeitenfühlen können. Aber so sei das nun mal: Die Bundesrepublik Deutschland werdevom Kanzleramt regiert und nicht von den Herren Schmidt oder Weyer oderStammberger. Der Staatssekretär sah das ebenso. Aber diese Empfindlichkeitenwürden abklingen, prognostizierte Sandrach.

Wider Erwarten geschah das nicht. Stattdessen gab esweitere Probleme. Plötzlich wollten alle Schreihälse wissen, wie dieEntscheidungen intern eigentlich gelaufen waren. Wer hatte unter Verletzung vonRechtsvorschriften was angeordnet?

„Ja, sind wir denn in einem Tollhaus!“ schimpfte Albert.Seine Sekretärin machte an diesem Tag einen großen Bogen um ihn.

Am liebsten hätte Albert jetzt Urlaub genommen. Aber ihmkonnte nichts passieren. Er hatte keine Entscheidungen getroffen, sondern nurbeobachtend koordiniert. Außerdem hatte er von jeder Aktion seinenStaatssekretär unterrichtet. Albert selber war damit eigentlich aus demSchneider.

Die Fragen in der Öffentlichkeit wurden immer drängendergestellt. Wer hatte Ahlers Verhaftung in Spanien bewirkt? Wer hatte veranlasst,dass der Bundesjustizminister nicht informiert wurde? Als wenn so etwas nichtgang und gäbe war! Man hatte natürlich auch Stammberger eins auswischen wollen.Das Dumme war, der merkte das.

Albert fragte sich, ob Stammberger eventuell seineBundesanwaltschaft angewiesen hätte, überhaupt nichts gegen den Spiegel zu unternehmen.

Die SPD beantragte eine Sondersitzung des Bundestages.Adenauer beschimpfte seinen Staatssekretär fürchterlich. Und er ließ kein gutesHaar an Strauß. Den mochte er schon seit einem Jahr nicht mehr. Wochenlanghatte Strauß schon Hausverbot im Kanzleramt gehabt, seitdem er Ludwig Erhardzum geeigneten Adenauer-Nachfolger erklärt hatte. Strauß seinerseits tobte inseiner Amtsstube. Die FDP-Führung zog sich zu besorgten Beratungen zurück; manhätte die Sache lieber hinter den Kulissen bereinigt. Nur einer ließ zu Hauseeinen Sektkorken knallen: Bundesjustizminister Stammberger.

Am 2. November gab Strauß dem Nürnberger 8-Uhr-Blatt einInterview, das am nächsten Morgen bundesweit zur Kenntnis genommen wurde:

„Frage: Wollten Sie dem Herrn Augstein eins verpassen?

Strauß: Glauben Sie im Ernst, dass sich ein unabhängigerBundesrichter, den ich nicht kenne, und zwei Bundesanwälte, die ich nichtkenne, dazu hergeben, dem Herrn Strauß zuliebe Haftbefehle auszustellen undgegen den Spiegel zu ermitteln?Glauben Sie, dass diese Herren mir zuliebe ihren Kopf riskieren?

Frage: Es geht ja nicht darum, was wir glauben odernicht. Es geht uns nur um die Antwort auf die Frage, ob die Aktion gegen den Spiegel ein Racheakt ihrerseits ist odernicht.

Strauß: Nein, es ist kein Racheakt meinerseits. Ich habemit der Sache nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes: nichts zu tun.“ Erhabe, als ein Gutachten von der Bundesanwaltschaft über die Verletzung vonStaatsgeheimnissen angefordert worden sei, absolute Amtshilfe zugesagt, aberdann die ganze Angelegenheit bewusst seinem Staatssekretär Hopf überlassen.„Wenn Sie so wollen, dann ist in dieser Zuständigkeit Herr Hopf augenblicklichder Chef meines Ministeriums.“

*

Christian war an diesem Nachmittag wegen der Hochzeiteines Tennisfreundes in Bonn. Er traf zu Hause kurz seinen Vater und fragteihn: „Sag mal, abgesehen von den Kompetenzfragen, wer was gemacht oder befohlenhat, interessiert mich etwas anders: Seit einer Woche sitzen zehn Menschen inUntersuchungshaft, und die Redaktionsräume des Spiegelsind versiegelt, so dass die Rumpf-Redaktion nur bessere Notausgabenherausbringen kann. Welche Staatsgeheimnisse hat der Spiegel denn eigentlich veröffentlicht? Mir ist heute beider erstmaligen Lektüre deines Heftes nichts Geheimnisvolles aufgefallen.“

„Das weiß ich auch nicht. Ich kenne nicht dieschriftlichen Anschuldigungen.“

„Aber wenn ein Staat so gravierend in Freiheitsrechteseiner Bürger eingreift, dann müssen doch massive und offenkundige Vorwürfebestehen.“

„Jetzt will ich dir mal was sagen, mein schlauer Sohn.Hast du gehört, was Kurt Georg Kiesinger[i])erklärt hat?“ fragte Albert mit triumphierender Stimme. „Es geht in diesenTagen nicht darum, die Freiheit gegen die staatliche Autorität zu schützen,sondern umgekehrt, die staatliche Autorität gegen eine zügellose, chaotischeFreiheit.“

„Gegen eine falschverstandene Freiheit, wollte der alteNazi sicher noch sagen“, spottete Christian.

Albert schaute ihn wütend an. „Ihr werdet diese ersteDemokratie auf deutschem Boden nicht zerstören! Ihr Rotzjungen nicht!“ rief er.

Christian grinste respektlos: „Bestimmt nicht, wenn dunur erst deinen Kursus Demokratie undRechtsstaat für Anfänger beendet hast, den dir die Amerikaner nach demKrieg beibringen wollten. Und noch etwas: Wir haben schon die zweiteDemokratie. Ich frag mich gerade, wer die erste kaputt gemacht hat.“

Albert brummte irgendetwas und marschierte wütend in seinArbeitszimmer.

*

Am Abend vor der Bundestagsdebatte erhielt AlbertSandrach vom Aktenboten des Kanzleramtes einen Zusammenschnitt inländischer undausländischer Pressestimmen. Le Mondesprach von persönlicher Rache, die Strauß am Spiegelgenommen habe. Das gleiche sagte die ZüricherTat ihren Lesern. Die New YorkTimes schrieb: „Die Aktion gegen den Spiegelschmeckt stark nach einem Rückfall in die alten Gewohnheiten der Gängelung derPresse durch staatliche Gewalt.“ Die HeraldTribune war sicher, hier sollte von den Behörden ein Nachrichtenmagazineingeschüchtert werden, das zum Hauptinstrument für politische Proteste und fürdie Untersuchung von Skandalen in Westdeutschland geworden sei. - Was seid ihr ungerecht! dachte Albertempört und zweifelte für einen Augenblick an seiner Liebe zu Amerika und denanderen Verbündeten.

Aber erst dann wurde er richtig blass: Das Magazin TIMEschrieb: „Es hätte sich so auch in Hitler-Deutschland abspielen können... DieRepublik im westlichen Deutschland ist bis ins Mark erschüttert.“ - Albertschluckte. Das kann doch nicht wahr sein,dass sie alle über dieses Verfahren so ignorant sind und so falsch informieren!Ihre Korrespondenten sitzen doch in Bonn. Die müssen doch sehen, dass es hierum einen Kampf gegen Landesverrat geht! Er nahm sich vor, sofort morgen,noch vor der Sitzung des Parlaments, mit diesen Korrespondenten zu sprechen. -Er überflog den Rest der Presseauszüge. Bis hin zu regierungsfreundlichenkonservativen Blättern einhellige Kritik an der Art und Weise des Vorgehens.Und immer wieder die Frage nach der Rolle von Strauß, der „alsVerteidigungsminister nun wirklich nicht die allergeringste Kompetenz fürdieses Verfahren besessen, aber tatsächlich wohl die Zügel in der Hand gehabthatte“.

*

Am 7. November trat der Bundestag zu seiner Sitzungzusammen. 12 Tage nach der Aktion gegen das Nachrichtenmagazin. Wer trug dennnun die Verantwortung für die seltsamen Umstände des Ermittlungsverfahrens, daswollte die SPD-Opposition im Parlament von der Regierung hören. Welchen Grundhatte es gegeben, die ganze Aktion zwanzig Tage nach Erscheinen des Berichts aneinem Freitagabend anlaufen zu lassen? Mitten während der Abschlussarbeiten fürdas dritte Heft nach dem „Verratsbericht“. Warum Freitagabend?

Und wer hatte die Anweisung gegeben, denBundesjustizminister nicht zu unterrichten? Immer wieder wurde nach all demgefragt.

Unionsredner versuchten zunächst, die SPD-Abgeordnetenals Leute hinzustellen, die anscheinend für Landesverrat seien. AlbertSandrach, der in der letzten Reihe der Regierungsbank saß, nickte beifällig. So ist es, dachte er. Warum sonst dieses Geschreie.

Da beantragte der SPD-Abgeordnete Ritzel, nach derGeschäftsordnung eine Persönliche Erklärung abgeben zu wollen. Er trat an dasRednerpult und sagte: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschland und ich alseiner ihrer Abgeordneten verurteilen gleich jedem anständigen Deutschen aufsschärfste Landesverrat, wo er wirklich vorliegt...“ Langer Applaus derSPD-Abgeordneten. „Wir müssen aber alle auch dafür sorgen, dass unsereBehörden, einschließlich der Strafverfolgungsbehörden, bei der Untersuchung vonStraftaten den durch Verfassung und Gesetze gezogenen Rahmen einhalten undrechtsstaatlich vorgehen. Der Schutz gegen Landesverrat soll unser Volk vorfremder Macht und fremder Willkür schützen. Es muss dann aber auch dabeibleiben, dass der Staatsbürger gegen Willkür im eigenen Land geschützt ist! Diehierbei...“ Applaus. „Die hierbei zu ziehenden Grenzen klarzumachen, ist derSinn unserer Fragen.“

Ein geschickter Schachzug, aber er hilft euch Sozisnichts, dachte Sandrach verächtlich. Wer keine Ehre hat, der kann sich auf sie nicht berufen.

Der Kanzler hatte das wohl ähnlich empfunden, denn ermeldete sich zu Wort und rief der SPD zu: „Ich stelle mich, bei solchdiffamierenden Anjriffen schützend vor die im Spiegel-Fallhandelnden Beamten des Bundesjerichts, der Bundesanwaltschaft und desBundeskriminalamtes. Es ist hier Landesverrat ausjeübt worden, das is sehrwahrscheinlich, meine Damen und Herren, von einem Manne, der eine Macht, einejournalistische Macht, in Händen hatte, und ich steh auf dem Standpunkte, jemehr Macht, auch journalistische Macht, jemand in Händen hat, desto mehr ist erverpflichtet dazu, die Grenzen...“ Unruhe. „...die Grenzen zu wahren, diedas... die die Liebe zum Volk...“ Unruhe. „Jetzt stellen Sie sich...“ Unruhe,Tumult, Glocke des Präsidenten, Geräuschchaos, in dem die Gedanken über dieLiebe zum Volk schlicht untergingen.

Der Kanzler verließ mit Empörung im Blick das Rednerpult.Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD Fritz Erler trat an dieMikrophone. „Wo es sich um Landesverrat handelt, muss zugepackt werden! Aberauch...“ Unruhe bei der Union. Gelächter. „Aber auch eine...“ Große Unruhe.„...auch eine...“ Große Unruhe. Der Redner vergrößert seine Lautstärke.„...Untersuchung wegen Landesverrats setzt die rechtsstaatlichen Prinzipienunseres Grundgesetzes nicht außer Kraft!“

Dem Bundesinnenminister Hermann Höcherl aus Bayernreichte es schon lange, und er rief gereizt dazwischen: „Herr Kollege Erler,man kann nicht ständig mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen!“ Tumult.„So ist es!“ rief auch Albert von der Regierungsbank her, ohne dass er gehörtwurde.

Nun reichte es auch dem Kanzler, und er ergriff erneutdas Wort. Er wollte wohl seinem Innenminister nicht nachstehen und sprach einenebenso bedeutenden Satz, der noch nach Jahrzehnten als Kanzlerwort bekannt war:„Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande.“ - „Wer sagt das?“ - „Ichsaje das!“ - „Aha!“ Gelächter. Tumult. Buh-Rufe. Und immer wieder die Glocke.„Ich saje das, ja!“ wiederholte der Kanzler. Tumult. „Denn, meine Damen undHerren, wenn von einem Blatt, das in einer Auflaje von fünfhunderttausendExemplaren erscheint, systematisch, um Geld zu verdienen, Landesverratbetrieben wird...“ Tumult. Pfiffe. Pfui-Rufe. Buh-Rufe. Und immer wiederdazwischen hoffnungslos die Glocke des Präsidenten. „Ich bin sehr erstaunt. Siewollten sich doch jar nich vor den Spiejel stellen.“ Gelächter bei der Union.Tumult. „Sie wollen doch nur die Methode, mit der ein Landesverrat aufgedecktwird, die passt ihnen nich.“

Erich Mende, meldete sich von der Regierungsbank aus zuWort. Unionspolitiker warfen ihm giftige Blicke zu. Denn nach dem, was man inder FDP unter Rechtsstaat verstand, konnte man von Mende kaum eineUnterstützung erwarten, selbst wenn Mende sie aus koalitionspolitischen Gründengewollt hätte. Aber sein Ansehen in der Partei stand nicht zum Besten, und wenner sich ungeschickt verhielt, würde wohl der Justizminister Stammberger dernächste Vorsitzende sein. „Niemand in diesem Haus“, sagte Mende mitstaatsmännischem Tonfall, „denkt daran, sich schützend vor Landesverräter zustellen.“ - Peng, dachte Sandrach, das ist aber eine Ohrfeige für uns! -„Solange allerdings ein rechtskräftiges Urteil eines unabhängigen Gerichtes dieletzte Entscheidung nicht getroffen hat, gelten nach unsererStrafprozessordnung alle zwar als Verdächtige und Beschuldigte, doch noch nichtals verurteilte Landesverräter.“ Applaus von FDP und SPD.

Das wollte der Kanzler nun doch nicht einfach so im Raumstehen lassen. Dazu mussten ein paar deutliche Worte gesagt werden. Und so tratAdenauer noch einmal an das Rednerpult. Er begann erneut mit dem Hinweis, derHerausgeber des Spiegel habe amLandesverrat verdient. „Ach, Jott, was is mir schließlich Auchstein. Jott, derMann hat Jeld verdient auf seine Weise, und es gibt, äh, und es gibt Kreise,die ihm dabei jeholfen haben, indem se sich abonniert haben auf den Spiejel undindem sie Annoncen immer hereinjesetzt haben. Das sind Leute, die stehen nichsehr hoch in meiner Achtung, die ihm so viel Annoncen jegeben haben und soweiter...“ Unruhe. Gelächter. Einiger Beifall. „Da wolln wa mal janz ruhigsein.“ Gelächter. Einiger Beifall. „Aber, er hat viel Jeld verdient, sehr vielJeld verdient. Is für meinen Begriff auch kein Maßstab für seine sittliche Jröße,meine Damen und Herren. Ich kann mir nich helfen.“

Der Chefjurist der SPD, Adolf Arndt, der, obwohl Sozi,doch die uneingeschränkte Anerkennung von Albert Sandrach genoss, war dernächste Redner. Er verwies auf einige rechtsstaatliche Aspekte und fuhr dannfort, auch wenn der Herr Bundeskanzler es nicht so sehen möchte, so werdenatürlich in diesem Fall ständig in ein schwebendes Verfahren eingegriffen,wenn der Bundeskanzler und andere fortlaufend von den Landesverrätern sprächen,als wären sie verurteilt. „Und wenn alle diffamiert werden, die im Spiegel inseriert haben. Nun, offenbarist Herrn Bundeskanzler entgangen, dass die Bundeswehr immer im Spiegel inseriert.“ SchallendesGelächter bei der SPD.

Wie war es zur Verhaftung von Ahlers gekommen, wurdewieder und wieder gefragt.

Ja, aber was spielt das denn für eine Rolle? dachte Albert ärgerlich über diese Rechthaber von derOpposition. Wen interessiert das denn? Daist ein Landesverräter festgenommen worden - und darüber sollten sich allefreuen.

Schließlich ergriff Adenauer, studierter Jurist seitsechzig Jahren, erneut das Wort: „Und nun, weil der nun zufällich in Malagawar, ich haben eben jehört, dass, äh, auch die Rede von Tanger jewesen is, undholen Sie bitte mal einen aus Tanger heraus. Ich wüsste nich, wie wir dasmachen sollten...“ Fröhliches Gelächter. Dann allgemeine Unruhe. „Sehen Sie,meine...“ Unruhe. „... meine Damen und Herren, wenn der Herr Ahlers inDeutschland jewesen wäre...“ - „Das ist doch gar nicht die Frage!“ - „...und erwäre dann verhaftet worden, könnte kein Mensch was dajegen sajen.“ Lachen. „Nunwara zufällig in Spanien, und da hat ihn dasselbe Misjeschick jetroffen...“Fröhliches Gelächter.

Adolph Arndt widersprach dem Kanzler sofort: EinRechtsstaat könne sich, anders als Diktaturen, nur auf eine rechtsstaatlicheWeise verteidigen. „Das ist eine Schwäche der rechtsstaatlichen Demokratie,aber eine Schwäche, auf die wir stolz sind.“

Albert Sandrach dachte spontan und wütend: So ein Schwachkopf! Eine Schwäche, auf diewir stolz sind! Dieser verdammte Sozi!

„Und wenn wir uns auf eine rechtsstaatliche Weiseverteidigen wollen, dann macht es sehr wohl einen Unterschied, ob jemand inMalaga unter Verstoß gegen internationales Recht oder auf sonst dunkle undzweifelhafte Weise seiner Freiheit beraubt worden ist, oder ob er hier aufunserem Boden nach einem Haftbefehl eines Richters festgenommen worden ist. Dasist eine Frage, die nicht nur das Gewicht einer Randerscheinung hat. So, undnun antworten Sie bitte, wer die Festnahme von Ahlers veranlasst hat. DieSpanier sind doch nicht in der Nacht der Aktion gegen den SPIEGEL in Hamburgund Bonn aus eigener Kenntnis tätig geworden. Die wussten doch nichts von einerAktion, die nicht einmal dem deutschen Bundesjustizminister bekannt war, obwohleine seiner Behörden das Verfahren leitete.“

Es gab zum Glück eine lange Rednerliste mit CDU- undCSU-Abgeordneten, und so konnte Arndts Frage in dieser Sitzung nicht mehrbeantwortet werden.

Am Abend musste sich Albert im WDR einen Kommentar überden Tag anhören, der ihm sehr übel aufstieß: „In der heutigen Debatte desBundestages spielte die Regierung mit der Opposition weiter das Versteckspielder letzten zwei Wochen. Inzwischen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren,sie kombiniere es mit: Mensch, ärgere dich- aber richtig! Keine der Fragen, die die Öffentlichkeit stellt, wurdenbeantwortet. Nur Nebel wurde verbreitet. Verstärkt wurde dieser Eindruckdadurch, dass nach dem Ende der Sitzung der Bundestagspräsident Gerstenmaierden Ministern Höcherl und Strauß die Hände schüttelte, als wollte er ihnengratulieren. Wozu wohl? Nebel hatte mit gewissem Erfolg vor allemBundesinnenminister Höcherl verbreitet. Da möchte man doch zu gerne wissen:Deckt der CSU-Minister Höcherl seinen Parteivorsitzenden Strauß? Oder weißHöcherl selber nichts? Oder sollte Strauß etwa wirklich die Wahrheit sagen? DerKanzler trug nur Lächerliches bei und verhöhnte damit das ganze Parlament. DieUnion war damit zufrieden. Vom Koalitionspartner FDP war fast nichts zu hören.Das ist eine der Fragen: Wie war es denn zur Verhaftung von Conrad Ahlers undseiner Frau durch die spanische Polizei in Malaga gekommen? Justiz und Polizeides spanischen Diktators Franco waren in anderen Fällen weniger hilfreichgewesen. Wenn es etwa um die Auslieferung von Deutschen wegen deren Beteiligungan Nazi-Verbrechen ging. Solche Auslieferungen wurden stets abgelehnt unterBerufung auf internationales Recht, etwa des Interpol-Statuts, weil dieAuslieferung angeblich einen politisch motivierten Straftäter betraf. DasDelikt des Landesverrates fällt in diese Kategorie. Warum also wurde Ahlersverhaftet? Wir haben vom Innenminister heute nur gehört, es gab keinoffizielles Festnahmeersuchen, und es gab kein Auslieferungsersuchen. Ja, woherwussten die Spanier denn, dass ein paar Stunden vorher, Redakteure verhaftetworden waren, und woher wussten sie, dass es in Deutschland einen Haftbefehlfür Ahlers gab, und woher wussten sie, dass dieser Ahlers in Spanien Urlaubmachte. Das alles musste doch jemand den Spaniern gesagt haben. Hatte Strauß danun die Finger im Spiel, oder hatte er wirklich, wie er selber sagt, mit derganzen Sache nichts zu tun. Wir dürfen neugierig auf die morgige Debatte sein.“

Albert fand, dass man diesen sogenannten Journalistenauch einmal näher vom Verfassungsschutz durchleuchten sollte.

*

Sofort nach Beginn kurz nach 9 Uhr, Albert Sandrachsetzte sich gerade wieder in die letzte Reihe der Regierungsbank, um notfallsdem Kanzler mit Detailwissen zur Verfügung zu stehen, da trat Fritz Erler andas Rednerpult. Und während er Strauß direkt anschaute, fragte er: „Wir habengestern vom Herrn Bundesinnenminister nur gehört, dass keine der zuständigenDienststellen die Festnahme oder Auslieferung von Herrn Ahlers bei spanischenBehörden veranlasst hat. Ist Ihnen etwas davon bekannt oder haben Sie eineVermutung, dass der Militärattaché Oster...“ Albert Sandrach verschluckte sichfast. „...diese Festnahme vielleicht veranlasst haben könnte?“

Bundestagspräsident Gerstenmaier, sichtlich irritiert:„Herr, äh, hm, Kollege Erler, ich nehme an, dass Sie diese Frage demzuständigen Ressort äh stellen wollen und der Herr Verteidigungsminister zudieser Frage antwortet.“

Jetzt musste Franz Josef Strauß zum ersten Mal ansMikrophon. Er las von einem Notizzettel mit ruhiger Stimme vor: „Ich kann zuder Frage nach meinen Feststellungen folgendes antworten: DasBundesverteidigungsministerium ist durch die Sicherungsgruppe desBundeskriminalamtes am 27. Oktober zwischen 1 und 2 Uhr morgens wie folgtverständigt worden: Bei dem erfolglosen Versuch der Festnahme des Herrn Ahlersin seiner Hamburger Wohnung habe sich ergeben, dass Herr Ahlers sich in Spanienoder Tanger aufhalte. Der deutsche Militärattaché in Madrid sei über dieseReise unterrichtet. Auf dem Wege der Amtshilfe für die Strafverfolgungsbehördenhat das Verteidigungsministerium den Militärattaché in Madrid gefragt, ob dieseMitteilung zutreffe. Der Militärattaché bestätigte die Mitteilung, er könneaber nicht sagen, ob sich Herr Ahlers noch in Spanien oder Tanger aufhalte. Derursprüngliche spanische Aufenthaltsort des Herrn Ahlers sei ihm bekannt.Daraufhin wurde dem Militärattaché erklärt, dass gegen Ahlers einhöchstrichterlicher Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts eineslandesverräterischen Verbrechens vorliege. Der Haftbefehl sei mit Flucht- undVerdunkelungsgefahr begründet. Der Attaché wurde in der bei Behörden üblichenWeise angewiesen, diese Tatsache den spanischen Behörden mitzuteilen.“

Mehr war von Strauß nicht zu erfahren. Die Wortgeplänkeldes Vortages setzten sich fort.

Am Abend dachte Albert Sandrach: Na, das ist ja noch mal gut gegangen. Er spazierte sehr zufriedenvom Bundestagsgebäude nach Hause.

Aber am nächsten Morgen stand Erler schon wieder amRednerpult: „Ich möchte nicht, dass auch in der dritten Sitzung des DeutschenBundestages noch einmal um die Vorgänge herumgeredet wird. Ich möchte wissen,wer in der nächtlichen Stunde den Telefonhörer in der Hand hatte und mit demMilitärattaché in Madrid sprach.“

Strauß antwortete wieder. Diesmal ohne einenvorbereiteten Text vorzulesen, hektisch, aufgeregt, mit einer Geschwindigkeit,dass man bei jedem Wort dachte: aber jetzt wird er stolpern. „Als derMilitärattaché...“ Unruhe. Zwischenrufe. „Ich weiche Ihnen nicht aus! Das isteine völlig falsche Annahme oder Unterstellung! - bei einem Anruf denSachverhalt gar nicht glauben wollte, sagte, er kenne nur die Stimme desMinisters, bin auch ich mit ihm verbunden worden und habe ihm das wiederholt,was vorlag: Sicherungsgruppe...“ Große Unruhe. Strauß lauter, noch schneller:„Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes ruft an und behauptet, dass OberstOster von dieser Reise Bescheid wisse. Der Herr Ahlers wird gesucht wegen desTatverdachts des Landesverrats. Gegen ihn liegt ein höchstrichterlicherHaftbefehl vor. Er ist begründet mit Fluchtgefahr und mit Verdunkelungsgefahr.Was geht hier vor sich?“ Unruhe. Glocke des Präsidenten. „Das ist eineAngelegenheit, bei der wir zur Amtshilfe verpflichtet waren, wenn man uns nichtdann den unterschwelligen oder offenen Vorwurf machen sollte, dass die AusreiseAhlers' für einige Zeit organisiert worden sei, damit die undichten Stellen ausdem eigenen Hause dadurch nicht... dadurch nicht aufgeklärt werden können.“

*

Albert fühlte sich, als habe ihn jemand auf derRegierungsbank kalt abgeduscht. Er war froh, dass Adenauer keine Fragen an ihnhatte. Und noch froher war er, dass Strauß nicht gefragt wurde, ob ervielleicht irgendeinen Kontakt zum Bundeskanzleramt gehabt habe. Abends hörteer die Nachrichten nur mit einem Ohr, und der Wetterbericht interessierte ihnin dieser Jahreszeit noch weniger.

Doch dann kam es: „Hören Sie nun bitte unseren Kommentar.Es spricht der Tübinger Staatsrechtsprofessor Theodor Eschenburg, der einembreiten Leser- und Hörerpublikum als kommentierender Begleiter der Entwicklungunseres Staates seit einem Jahrzehnt bekannt ist.“ – So eine verdammte Sch…, dachte Albert. Dann war der Kommentator zuhören: „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, begann er. Die Debatte desDeutschen Bundestages gäbe nach zwei Tagen noch keinen Aufschluss über dietatsächlichen Hintergründe der Polizeiaktion gegen das Nachrichtenmagazin Der Spiegel.Die Union mauere, die FDP möchte am liebsten so tun, als gehöre sie nicht dazu.Strauß gebe sich, als höre er von allem hier im Parlament zum ersten Mal - undniemand, der ihm zuhöre, möchte ihm glauben. Allerdings habe er heute zumersten Mal zugeben müssen, dass er doch selber massiv eingegriffen habe. Erler,Arndt und Mommer mühten sich nach Kräften, aber die Regierung antworte einfachnicht, sondern rede an den Fragen vorbei. - Soein dummer Schwätzer, dachte Albert ärgerlich, und dafür kriegt der auch noch Geld! - „Ich habe vor zwei Tagen inBayern einen Vortrag mit anschließender Diskussion gehalten. Die überwiegendeMehrzahl derjenigen, die mir zuhörten, waren mehr oder weniger begeisterteAnhänger von Strauß. Und die haben mir gesagt: Der Strauß hat es aber demAugstein gegeben. Jetzt kommt die Rache. Jetzt soll Augstein mal sehen, wasgemacht wird. Und ich, ich war in diesem Kreis der, der Strauß' Anhängerngesagt hat: Ihr macht euch ein völlig falsches Bild. Ihr wisst nicht, was dieBundesanwaltschaft ist, und ihr wisst nicht, was ein Rechtsverfahren ist. Eskann nicht Herr Strauß einfach Herrn Westram, dem Generalbundesanwalt, auf dieSchulter klopfen und sagen: Jetzt hau dem Augstein auf den Kasten, geh mal hin,hol das ganze Papier raus, mach gute Fotokopien. Das kann er nicht. Aber dassdie Anhänger von Strauß dem Minister Strauß dies zutrauen und dass die anderenes befürchten, das ist im Grunde das Schlimme.“

Albert konnte nicht mehr zuhören und schaltete das Radioab.

*

Die Spiegel-Affäreführte zum Sturz des 4. Kabinetts Adenauer. Zuerst traten die fünf FDP-Ministerzurück; dann folgten ihnen notgedrungen die Unionsminister, weil der Kanzlersonst nicht über eine neue Regierung hätte verhandeln können. Durch denRücktritt der Unionsminister konnte auch Strauß nicht im Amt bleiben. In derneuen Regierung war er nicht mehr vertreten. Strauß errang aber in Bayern kurzdarauf  einen großartigen Wahlsieg. Beider Bildung des neuen Kabinetts Mitte Dezember 1962 musste sich Kanzler Adenauerauf Druck der FDP verpflichten, im Herbst 1963 abzudanken.

Die Spiegel-Redaktionblieb länger als 4 Wochen, bis Ende November versiegelt, weil erst dann „alleUnterlagen sichergestellt waren“. Die Strafverfahren wurden eingestellt, gegenalle Journalisten wegen angeblichen Verrats und gegen Strauß und Hopf wegenFreiheitsberaubung und Amtsanmaßung.

Hatte Albert Sandrach gedacht, er hätte während derAffäre schon genügend Arbeit und Ärger gehabt, so stellte er um die Zeit derMinisterrücktritte herum fest, dass seine eigentliche Arbeit erst begann. DieBundesregierung hatte nämlich beschlossen, einen amtlichen Bericht über ihrkorrektes Verhalten zu veröffentlichen.

Sandrach wurde mit der Koordination betraut - und er scheiterte. Albert Sandrach scheiterte schlicht und ergreifend, das meintenalle. Er stellte zwar innerhalb von drei Monaten ein Papier zusammen. Aber waser seiner Bundesregierung vorlegte, und was die mangels eines besseren alsihren Bericht verabschiedete, waren vier verschiedene Geschichten: denn dasAußen-, das Innen-, das Justiz- und das Verteidigungsministerium konnten sichnicht darüber einigen, was sich tatsächlich zugetragen hatte und was man demeigenen Volk erzählen sollte. Richtig erleichtert war Albert darüber, dass erselber in keinem dieser Berichte vorkam. Die Bescheidenheit des neutralenBerichterstatters, dachte er und klopfte sich in Gedanken auf die Schulter.

Ein Bericht mit vier Geschichten - Albert Sandrach fuhrgut gelaunt in den Urlaub. Vier Geschichten, das war das absolute Optimum anDesinformation, was sich aus den Vorgängen herausholen ließ. Alle schienenzufrieden zu sein, dass er gescheitert war und die Wahrheit nicht ans Lichtkam. Nur die Sozis in der Opposition waren nicht zufrieden. Aber was istWahrheit? Das hatte Pilatus ja Jesus schon gefragt und keine Antwort erhalten.

Für Albert gab es aber noch eine Erkenntnis: Adenauers Zeitwar abgelaufen. Ich sollte mir wohlrechtzeitig Gedanken machen, wer im Herbst sein Nachfolger wird.

In der konservativen Deutschen Zeitung las Albert zuseinem Leidwesen: „Die Regierung hätte, statt unkorrekt zu berichten, lieberganz schweigen sollen.“ Ihr könnt michalle mal am Arsch lecken! zitierte er Goethe für alle Journalisten.

[i]   Damals Ministerpräsident vonBaden-Württemberg.

 

 

 

 

 

 

 (1945)

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