Auszug aus dem Roman Die Sandrachs

Historische Anmerkungen    

 

 

 

 

Historische Anmerkungen

zu dem Roman Die Sandrachs

 

Dies ist ein Roman, kein Sachbuch zur Geschichte der Bundesrepublik. Ich habe es aber für sinnvoll gehalten, mit einigen wenigen Anmerkungen die Romanstory zu ergänzen.

 

Ich habe den Roman zur Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands begonnen, als die DDR der Bundesrepublik beitrat. Ich habe damals eine stärkere Zäsur in der Entwicklung Deutschlands erwartet, als sie sich tatsächlich ergeben hat. Auch die Entwicklungen in der Computer- und Softwarewelt ließen mich annehmen, dass wir uns in eine neue Welt hinein entwickelten (diese Erwartung ist eingetreten). Die Sandrachs sollten die Welt davor beschreiben und festhalten, die  ja ebenfalls einen gewaltigen Modernisierungsschub erlebt hatte.

 

Ich hatte in den 1980er Jahren einen Forschungsschwerpunkt beim Thema Geschichte der Bundesrepublik. In dieser Zeit habe ich etwa als Lehrbeauftragter an der FU Berlin Politikwissenschaftler unterrichtet und eine Geschichte der Bundesrepublik geschrieben. In den 1990er Jahren habe ich diesen Schwerpunkt noch einmal aufgegriffen und an einer Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik gearbeitet. Nach Gesprächen mit „meinem“ Verlag C.H.Beck (die hatten bereits zwei Autoren für zwei verschiedene Monographien) und mit Campus (die wollten den Schwerpunkt im PW-Bereich) habe ich meinen Entwurf in zwei Leitzordnern abgeheftet und ins Regal gestellt, wo sie noch heute stehen. Meine Hochschule hatte das Projekt mit einem Forschungssemester gefördert.

Den Roman Die Sandrachs, Band 1  hatte ich nach zwei Jahren Arbeit in wesentlichen Teilen fertig. Ich habe mich aber zunächst meinen Romanen Das Geschenk und Der römische Statthalter zugewendet. Während mir die Verlage bis dahin meine Sachbuchprojekte geradezu aus den Händen gerissen hatten und das komplette Honorar schon bei Ablieferung des Manuskriptes bezahlten, war der Romanmarkt völlig zugeschüttet. Der Cheflektor von Piper erzählte mir entschuldigend, er bekomme jede Woche siebzig Romanangebote auf den Schreibtisch.

Nachdem Der römische Statthalter  im Jahr 2012 erschienen war, habe ich Die Sandrachs, Band 1,  fertiggestellt. Ich bemühe mich inzwischen für meine Romane nicht mehr, einen „klassischen Verlag“ zu finden. Leider sind die Bücher bei dem Verlagskonzept von Books on Demand für den Leser sehr teuer. Seien Sie deshalb versichert, dass ich als Autor nur ein paar Cents verdiene und insgesamt bei jedem Roman einen Verlust mache.

 

 

Eventuell ist der Untertitel des Romans erläuterungsbedürftig:

In der deutschen Verfassungsgeschichte haben sich einige Begriffe eingebürgert: So spricht man von der Paulskirchen-Verfassung von 1849, von der Weimarer Verfassung und der Weimarer Republik. Als die Bundesrepublik Deutschland 1949 gegründet wurde, nannte man die Verfassung oft Bonner Grundgesetz und den Staat Bonner Republik. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde gelegentlich unser Staat als Berliner Republik bezeichnet, insbesondere dann, wenn man auf Unterschiede zum politischen Verhalten früher in der familiären Atmosphäre der Provinzstadt Bonn und jetzt zum mehr großstädtischen und anonymen Berlin hinweisen wollte. 

 

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1     Adenauer wurde mit 23 Ehrendoktortiteln geehrt. Bis 1923 bereits vier Mal durch die Uni Köln (rer.pol., med., jur., phil.).1951 ging es dann international weiter.

 

2     Bernd Engelmann, Meine Freunde, die Millionäre, berichtet darüber. John McCloy, der spätere Hohe Kommissar, war beispielsweise ein angeheirateter Verwandter.

 

3     Das ist inzwischen geschehen. Das deutsche Industrie-potential war unmittelbar nach dem Krieg größer als zu seinem Beginn. Die gewaltigen Zerstörungen im Bereich der Produktionsanlagen sind ein Märchen. Zur wirklichen Situation in den ersten Nachkriegsjahren vgl. insbes. die Arbeiten von Werner Abelshauser.

 

4     Vgl. vorige Fußn. (Abelshauser).

 

5     Zu Schörner z.B.:www.zeit.de/1955/06/Der-Strick-im-Tornister

 

6     Straße in Berlin, in der die meisten Ministerien gelegen hatten. Symbol für die Nazi-Herrschaft.

 

7     Die Neoliberalen irrten und die Wirtschaftswissenschaftler korrigierten sich: Seit der ersten Wirtschaftskrise von 1966 wird ein Modell des rahmensetzenden Staates in der Bundesrepublik von allen Bundesregierungen angewendet.

 

8     Näher dazu Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980, Frankfurt/M, 1983,  S. 55 ff.

 

9     Das Gespräch wurde mit Hilfe Grewes Autobiographie Rückblenden, Frankfurt/M 1979 erstellt.

 

10     Die durchschnittlichen Monatslöhne aller Beschäftigten betrugen:
      1950: brutto  243,- DM (netto  213,-)
      1960: brutto  523,- DM (netto  432,-)
      1970: brutto 1138,- DM (netto  881,-)
      1974: brutto 1749,- DM (netto1265,-)
Ein konkretes Beispiel: 1957 verdiente eine 23jährige als Filialleiterin eines Reformhaus-Geschäfts 300 DM (Quelle: eine Autobiographie im Internet).
Die Löhne stiegen in diesen 15 Jahren (nominelle Steigerung) brutto um 700% (netto um 600%); bei Berücksichtigung der Preissteigerungen (reale Steigerung) brutto 355% (netto 280%).
Anders formuliert: 1974 hatte ein Durchschnittsverdiener eine Geldmenge von der dreifachen Kaufkraft gegenüber 1950.
Die Bruttoverdienste der Frauen lagen 1950 40% (1974  30%) unter denen der Männer. Das beruhte nicht nur auf ihrer schlechteren beruflichen Qualifikation. In den Goldenen Fünfzigern wurden Frauen auch bei gleicher Arbeit meist schlechter eingruppiert als Männer. (Diese Ungleichbehandlung hält übrigens bis heute an.)

 

11     Der Kampf um die Gleichberechtigung ist ein Riesenthema. Im Roman kann ich aus Gründen der Gewichtung nur einen Einblick geben. Aus der umfangreichen Fachliteratur ist besonders  leicht zu erreichen: (ich habe hier ein seltsames Problem, das Schriftbild zeigt nicht, was ich tippe) leicht zuerrrehenic:  www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Rahden-2-2005

 

12     Lüth bemühte sich später mit Erfolg um die deutsch-israelische Aussöhnung; er starb 1989, 87jährig; einen Nachruf enthält z.B. DER SPIEGEL, 15/1989, S. 272.

 

13     Latein gehört zur Bildung der 50er Jahre; Ausspruch des älteren Cato: Im übrigen bin ich der Ansicht... (dass Karthago zerstört werden soll).

 

14     Auch wenn es unglaublich klingt: aber solche Verfahren hat es tatsächlich gegeben, und sie haben so funktioniert, wie Albert es im Gespräch entwickelt. Ich habe selber als junger Regierungsrat noch Ende der 70er Jahre ein mit diesem miesen Trick „erfolgreich“ abgewehrtes Wiedergutmachungsverfahren gegen den Eigentümer einer Kaufhauskette kennengelernt. Mit demselben Trick wurden dann auch noch gleich die Steueransprüche der Allgemeinheit für viele Jahre auf 0 reduziert.

 

15     Gutachtliche Stellungnahme des I. ZS v. 6.9.1953, veröffentlicht in der amtlichen Sammlung BGHZ,  Bd 11, Anhang S. 65

 

16     Herr Paasch stellt das - sicherlich bewusst - falsch dar: Zwar nahm die damalige aus dem Kaiserreich inspirierte Rechtsprechung eine Beleidigung gem. § 185 Strafgesetzbuch vom 15.5.1871 an (insoweit hat Paasch recht), aber der Ehebruchsparagraph 172 StGB hatte Vorrang (sog. Gesetzeskonkurrenz). Günther würde also nur nach § 172 StGB bestraft werden können, maximal ein halbes Jahr Gefängnis, eventuell zur Bewährung ausgesetzt, aber das weiß Monika nicht. - Ja, das waren die Goldenen Fünfziger Jahre!

 

17     Was Albert erzählt, sind Tatsachen. Ein kurzer Bericht über dieses Verfahren findet sich beispielsweise im ZEIT-Magazin Nr 32/89 vom 4.8.1989.

 

18     Dies ergibt sich aus brit. Regierungsdokumenten, die nach Ablauf der 30 jährigen Sperrfrist der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Hier zitiert nach Der Tagesspiegel  vom 3. Jan. 1989.

 

19  (S. 319)     Vgl. dazu etwa DER SPIEGEL 2011, Heft 33, S. 38 f.   

 

19a  (S. 338)    Für Christians Studienreise habe ich ein Gespräch im Spiegel 2013 ausgewertet.

 

21  (S. 339)     Ich war fünf Jahre lang Assistent bei Professor Gerhard Kegel, dem ich viel Unterstützung verdanke. Die Stadt Köln hat ihn vor wenigen Jahren zum Ehrenbürger ernannt. – Ich bin nicht beim internationalen Recht geblieben, sondern wählte nach einem Umweg beim Verfassungsrecht Betriebliches Rechnungswesen und Geschichte zu meinen Schwerpunkten. Später verschwendete ich meine Zeit ans Romaneschreiben, statt in einer internationalen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das große Geld zu verdienen. Manchmal macht man im Leben Fehler, die sich nicht mehr korrigieren lassen.

 

22     Damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

 

23     Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983. Darin findet sich etwa der Hinweis, dass Meister des Unglücklichseins sich stets auf solche Wunschpartner konzentrieren, die im Augenblick mit Sicherheit nicht zu bekommen sind. Das müssen nicht immer gleich Hollywood-Stars sein; der angestrebte Effekt (das Unglücklichsein) lässt sich auch mit kleineren Wünschen erzielen. Wichtig ist immer nur zweierlei: Der Wunsch muss intensiv empfunden werden, und er darf nicht realisierbar sein. Wenn man sich auf diese Weise ein wenig bemüht, steht tief empfundenem Unglücklichsein nichts im Wege.

 

24     Besoldet nach A 14, also wie ein Oberstudienrat.

 

25     Vgl. zu den Vorgängen Wikipedia, Stichwort Karl-Heinz Kurras (Stand der Bearbeitung, die ich kenne: Okt. 2011).

 

Im ersten Urteil vom 21. November 1967 stellte das Gericht fest: „Die Tötung war eindeutig rechtswidrig.“ Und: „Es besteht leider der dringende Verdacht, dass auf Ohnesorg auch dann noch eingeschlagen wurde, als er tödlich getroffen bereits am Boden lag […] Kurras weiß mehr als er sagt, und er hinterlässt den Eindruck, als wenn er in vielen Dingen die Unwahrheit gesagt hat.“

Im Oktober 1968 hob der Bundesgerichtshof den Freispruch auf und kritisierte den Polizeieinsatz: „Diese Organisation war von vornherein geeignet, Konflikte hervorzurufen.“

Im Dezember 1970 wurde Kurras trotz fortbestehender Zweifel an seiner Darstellung erneut freigesprochen. Der Vorsitzende Richter erklärte ihm zum Abschluss: „Menschliches Fehlverhalten oder moralische Schuld: Das haben Sie mit sich selbst und dem Herrgott auszumachen und die Last selber zu tragen. Ihnen eine strafrechtliche Schuld nachzuweisen, waren wir nicht in der Lage.“

In einem ZDF-Interview vom Mai 2009 berichtete eine Frau von einem Gespräch mit Kurras, in dem er den Todesschuss auf Ohnesorg eine gezielte Hinrichtung nannte. Auf Ihre Frage: „Warum?“ – „Ein Lump weniger.“

Der Spiegel glaubt, mit zwei Artikeln auf der Basis neuen Materials und neu bearbeiteten Fotomaterials nachweisen zu können: Kurras hat sein Opfer vorsätzlich erschossen, und die Berliner Polizei hat dies vertuscht. Der Spiegel 4/2012, S. 36 ff., 5/2012, S. 34 f.

 

26     Ich kenne diese Episode aus einer Rundfunk-Dokumentation von 1987.

 

27     Der damalige Innensenator erklärte in einem Interview 20 Jahre später, die Situation in der Stadt sei um 1967 besonders hektisch gewesen. „Das hängt damit zusammen, dass bis zum Mauerbau und bis fast in die Mitte der 60er Jahre ein Konsens in der Stadt bestand. Dass die Studenten bis dahin gegen die Mauer protestiert hatten, die Studenten dabei sogar von der Polizei, vielleicht nicht ganz legal, unterstützt worden sind,wenn sie Fluchthilfe betrieben. Nun kam plötzlich ein Wandel, der sicherlich auch intensiv verstärkt wurde durch die Bildung der Großen Koalition in Bonn. Es gab kein Verständnis gegenüber denen, die den Konsens in der Stadt nicht mehr teilten. Es war der erste offene Bruch in West-Berlin. Dazu gab es ein nicht entwickeltes Demokratieverständnis der Polizei, getragen und geteilt von allen Kräften in dieser Stadt hinsichtlich der Haltung gegenüber Minderheiten. “Die Demonstration vor der Oper sei (abgesehen von der Schlägerei der Jubelperser) ein ganz normaler demokratischer Vorgang gewesen; und zwar bis zur Räumung des Platzes durch die Polizei. „Er war nur nicht im Bewusstsein der Mehrheit der Bevölkerung, ebenso wie auch später bei Vietnam-Demonstrationen, die bis zum Ausschluss von Demonstranten aus der SPD führten, die später dann doch Senatoren-Ämter erhielten. Das war ein sehr schwieriger, langwieriger Umdenkungsprozess. Es war eine neue Stimmung in der Stadt, die zu einem Umdenken führen musste. Der Schah-Besuch stand für vieles.“

 

28     Den Börsenindex DAX 30 gibt es erst seit 1988; der erste Wert wurde am 31.12.1987 auf 1.000 Punkte festgesetzt. Rechnet man ihn fiktiv zurück, dann lief er von 1960 bis 1985 mit Schwankungen seitwärts. Die Kurswerte im Fünf-Jahres-abstand jeweils zum Jahresende:
1959 –418,
1964 – 478,
1969 – 622,
1974 – 402,
1979 – 498,
1984 - 500. Danach allerdings lief der DAX aufwärts: Frühjahr 2000 auf 8.000 Punkte – glücklich,wer damals dabei war und vor dem folgenden Absturz bis 2.100 Punkte verkauft hatte.

 

29     Die Entstehung die sozial-liberalen Regierung Brandt/Scheel ist eine ungemein spannende Geschichte. Ich hätte sie hier gern etwas ausführlicher erzählt. Aber der Platz reicht nicht und nach der Romanhandlung ist Christian noch etwas zu jung, um dabei eine aktive Rolle zu spielen.  -  Eine meisterliche Darstellung geben Arnulf Baring und Manfred Görtemaker, Machtwechsel, Stuttgart 1982.

 

30     Das Problem diskutiert Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, am Beispiel von die oder das Nutella, S. 19 ff.

 

31     Im Jahr 2010 wurden Männer in Westdeutschland durchschnittlich ca 78 Jahre, Frauen ca 82,5. Einzelheiten z.B. bei  www.lebenserwartung.info.

 

 

 

 

 

 

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